28. Januar 2020

Die Dialektik des Kapitals

 Ulrike Herrmann, taz-Wirtschaftskorrespondentin und Rudolf Hickel, em. Professor Finanzwirtschaft in Bremen diskutierten zum „Der Sieg des Kapitals“ über Wachstum, Geld und Krisen.

Welcher Huwi-Freund wäre da nicht neugierig, was Linke zu diesen Grundfragen zu sagen hätten. Also „nichts wie hin“ sagten sich die Landesvorsitzenden Joachim Kretschmer und Helmut Bein zum taz Salon am 14.1.2014 um 19.30 in das Kulturhaus 73 am Schulterblatt, just gerade erst Schauplatz blutiger Ausschreitungen.

Aber es war ein friedlicher Abend, wie Tischnachbar Hickel beim Einstimmungsbier im Gastraum erleichtert feststellte. Kein Störer trübte die sachliche Podiumsdiskussion der Experten, die Mühe hatten, bei so viel gegenseitiger Übereinstimmung überhaupt Gegensätze heraus zu arbeiten. Beide hatten wohl nicht mit so großem Andrang gerechnet, sonst hätten sie mehr von ihren frisch herausgekommenen Büchern mitgebracht, die bei Abschluss schnell vergriffen waren. Ulrike Herrmanns Analysen des aktuellen Wirtschaftsgeschehens weist sie als eigenständige und originelle Journalistin aus.

Wenn sie in einer Glosse schreibt: „Es muss noch viel Kapital vernichtet werden, bevor sich sein Besitz wieder lohnt“, gewinnt man den Eindruck, dass sie das Wesen des Kapitalismus in unserem Sinne begreift. Dieses System braucht zum Selbsterhalt die stets wiederkehrende Kapitalvernichtung, um die Rendite hoch zu halten. Sowohl Keynes wie auch Silvio Gesell erkannten, dass bei ungehemmter Kapitalvermehrung der Zins gegen Null tendiert. Während Keynes vom „sanften Tod des (Kapital)Rentners“ schrieb, entwarf Gesell das Bild einer ausbeutungsfreien Gesellschaft, weil der Kapitalismus in einem Meer von Kapital ersäuft. Aber dazu kommt es nicht von selbst. Der berühmte Ökonom Keynes nennt es die Liquiditätsfalle, die bei Zinsen unter 3% zuschnappt. Er gilt als Erfinder staatlicher Konjunkturprogramme. Weil die Privaten wegen gefährdeter Rendite nicht mehr investieren, muss sich der Staat verschulden, um die private Nachfragelücke zu schließen. Wie die europäische und weltweite Schuldenkrise zeigt, ist diese Politik letztendlich daran gescheitert, dass „vergessen“ wurde, in „guten“ Zeiten die Schulden wieder zu tilgen.

Und da sind wir wieder bei der Podiumsdiskussion.:

Beide waren sich darin einig, dass die jetzt beschlossenen Schuldenbremsen keine Lösung der Krise bringen, sondern die Talfahrt – besonders der Peripherieländer – beschleunigten.
Statt aber dem „Außenseiter“ Gesell zu folgen, und dem trägen Geld mit einer Umlaufsicherung Schwung zu verpassen, damit es Arbeitsplätze schafft, suchte man den Störenfried wo anders. Die Löhne in Deutschland seien zu niedrig. Mit 10.- € Mindestlohn wäre die Wettbewerbsverzerrung in Europa beseitigt:
In dem Maße, wie sich dadurch deutsche Exporte verteuerten (Lohn-Preisspirale?), könnten die südeuropäischen Sorgenkinder wieder munter mithalten. Dabei spürt doch schon jeder Laie, dass mit so einem Programm keine neuen Arbeitsplätze entstehen können. Denn für jeden Arbeitsplatz der in einem Peripherieland entstünde, würde ein deutscher wegfallen.

Abgesehen davon, sind unangemessene Löhne nur ein Teil des Problems. Ein aufgeblähter und uneffizienter Staatsapparat in Griechenland und Italien harrt grundlegender Reformen. Aber das nur am Rande.
Leider hat es Frau Herrmann vergessen, meine im oben beschriebenen Sinne eingereichte schriftliche Frage gleich zu lesen, und sie im Rahmen der Veranstaltung zu beantworten.
Trotzdem hat sie ein durchaus lesenswertes Buch geschrieben, wie ein erster Blick in das gerade noch ergatterte letzte Exemplar erwarten lässt. Mit Freude haben wir registriert, dass sie Marktwirtschaft (haben wir zur Zeit nicht wirklich) und Kapitalismus nicht gleichsetzt.

Helmut Bein

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