16. Mai 2022

Tabu „Verschwörungstheorie“

In jüngster Zeit kursiert ein neuer Begriff im Diffamierungsvokabular der Mainstream: „Verschwörungstheoretiker“. Interessant ist m.E., dass es bei diesen „neuen“ Denktabus nicht mehr unbedingt um binäre Zuschreibungen geht, sondern um reine Denkverbote.

Wenn man sich dieses Wort näher anschaut, fällt auf, dass es hier kein „Pendant“, kein Gegenstück gibt. Ich möchte also hier als Denkübung einen Gegenpart kreieren: „Verschwörungsleugner“!

Nun haben wir – wie üblich in allen binären ideologischen Zuschreibungen – den „guten“ Verschwörungsleugner und den „bösen“ Verschwörungstheoretiker. Auch hier gilt, dass man, wie bei allen ideologisch definierten Zuschreibungen, nicht zu tief und zu frei denken darf, weil dieser Unsinn dann sofort ersichtlich wird. Es soll schließlich nur der Unterschied zwischen einem „guten“ (treuen) und einem „bösen“ (untreuen) Menschen gemacht werden – also die Absicht ist nicht das Denken, sondern das Spalten.

Denn wenn man sich die Wörter näher anschaut (ich will dieses Tabu einmal kurz brechen), dann fällt auf, dass der Verschwörungstheoretiker zumindest eine Möglichkeit einbezieht, die er seinen Überlegungen zugrundelegt. Und zwar die Tatsache, dass es gesellschaftliche und politische Verwicklungen, Lobbyismus und Machtdynamiken geben kann. Früher kannte man noch den Begriff „Klassencharakter“ oder „herrschende Klasse“. Auch diese Begriffe fallen nun in die „verschwörungstheoretische“ Denkpalette.

Wobei der „Verschwörungsleugner“, wenn wir dieses „Gegenstück zum bösen Verschwörungstheoretiker“ ein mal theoretisch annehmen möchten, diese Möglichkeiten a priori ausschließt.

Ich frage mich, wer nun der Intelligentere von beiden ist. Jemand, der Möglichkeiten in Betracht zieht, oder jemand, der diese von vorne herein als nicht akzeptabel im erlaubten/ verbotenen Denken ausschließt.

Mir fällt auf, dass diese Begriffe ein Klima (Insofern haben wir wirklich eine Klimakrise!) erzeugen, das, wie alle Zuschreibungen im binären Denksystem des Erlaubten und Verbotenen, einen Diskurs fast unmöglich macht.

Es scheint mir nur konsequent, dass im Kapitalismus alles diffamiert wird, was ihm in seiner menschenfeindlichen Dynamik auf die Schliche kommen könnte.

Bestimmt unterstellt mir jemand auch sofort eine „pathologische Kapitalismus-Aversion“. Auch diese Zuschreibung verhindert sofort wieder, sich den Inhalt einer Aussage näher anzuschauen. Denn wer dies wagt, dem wird das Etikett ebenfalls aufgedrückt. Und wer mag schon gerne stigmatisiert werden?

Wir sehen, alle binären Denksysteme nähren sich von Angst und dem Bedürfnis nach einem guten Gewissen, nach Unschuld, nach Zugehörigkeit.

Denn wie auch bei anderen Zuschreibungen im Diffamierungsvokabular des Mainstream (erlaubten Denkens) erschweren sie das argumentative Reden über Inhalte, da jeder sofort mit einer pauschalen Zuschreibung identifiziert wird.

Auch bei diesen „neuen“ Denkvorschriften geht es also nicht um einen gesellschaftlichen oder politischen Diskurs über Inhalte, etwa:

– Was ist eine Verschwörung?

– Woran erkennt man sie?

– Welche aktuellen Interessenverknüpfungen von b.w. Profitstreben und Gesundheitspolitik könnten evident sein?

– Was falsifiziert eine Verschwörungstheorie, was verifiziert sie?

Sondern es geht lediglich um die Zuschreibung zu einem „guten“, akzeptablen oder „bösen“ inakzeptablen Menschen.

Diese Mechanik der pauschalen Identifizierung erinnert mich an religiösen Fanatismus (Hexenjagd, Verfolgung “Ungläubiger”, etc.), der über Jahrhunderte in den unterschiedlichsten Formen die Menschen tyrannisierte, verurteilte, ausbeutete und in Angst und Schrecken versetzte.

Ich hoffe sehr, dass die Vernunft nicht zugunsten eines quasi-religiösen Fanatismus erodiert und so die „aufgeklärte Welt“ in die Barbarei stürzt. Fast hypnotisch unterliegen wir heute den täglich aggressiv propagierten Denkverboten und lassen uns (Gott sei Dank nicht immer!) gegeneinander aufwiegeln.

Menschen bleiben wir nur so lange, wie wir bereit sind, zu fühlen und frei zu denken, unserer eigenen Wahrnehmung zu trauen. Mit anderen Menschen zu sprechen, sie als Bereicherung zu sehen und unsere unterschiedliche Haltung zu den verschiedensten Fragen als Merkmal unserer Individualität zu respektieren, ist grundlegendes Merkmal einer Demokratie (jedenfalls habe ich das so ein mal gelernt!)

Wir müssen dabei nicht immer einer Meinung sein. Auch eine „Zweinigung“ dient dem friedlichem Miteinander oder auch Nebeneinander. So bleiben wir eine (wirklich) pluralistische und vielfältige Gesellschaft. Ist das nicht eine schönere Vision, als eine binäre Welt aus Dazugehörenden und Ausgegrenzten, aus Gehorsamen und Ungehorsamen, aus “Rechtgläubigen” und “Abtrünnigen”?

Uwe Habricht 12/2021

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