16. Mai 2022

Gedanken zum Bedingungslosen Grundeinkommen

Uwe Habricht, Berlin 2010


Unser derzeitiges System basiert auf einer Ideologie der Arbeit. Das heißt, es geht nicht um das produktive Schaffen des Menschen, sondern um die ausbeuterische Verdinglichung und Instrumentarisierung von Mensch, Ware und Arbeitskraft. Tagtäglich wird uns der „Unwert der Arbeitslosigkeit“ um die Ohren geschlagen. Der Arbeitsplatz wird zum Fetisch, den es unbedingt zu erhalten gilt – der Wert der produktiven Arbeit bleibt dabei auf der Strecke.

Zwei Konzepte bieten eine Befreiung aus der menschen- und lebensfeindlichen, unnatürlichen Struktur des durchdrehenden Turbo-Kapitalismus: Das BGE und die Freiwirtschaft. Beide Konzepte unterscheiden sich stark. Das Gemeinsame aber ist, dass in beiden Modellen der Wertschaffene, der Produktive (bezogen auf alle Formen des produktiven menschlichen Schaffens) wieder in seine Selbstverwirklichung und Eigenverantwortung befreit wird. Dabei stellt das Bedingungslose Grundeinkommen auf steuerliche Aspekte einer gerechteren Umverteilung ab, während die Freiwirtschaft das monetäre System und seine Mechanik der Umlaufsicherung “umpolt”: Geld bleibt so im Fluss und bereichert alle, anstatt (wie im heutigen Kapitalismus) von Wenigen akkumulieret zu werden. Denn erst die Akkumulation des Kapitals bildet die Grundlage für eine massive, strukturell verankerte Ausbeutung der vielen Wertschöpfenden durch wenige Schmarotzer!

Ich möchte hier nicht beide Modelle gegenüberstellen. Mir geht es um die Frage, inwieweit eine angstfreie und gerechtere soziale Welt, die solche Modelle versprechen, möglich wird und inwieweit sie zum wahren Menschsein befreien kann.

Grundlage der heutigen Arbeits-Ideologie, in der uns die Arbeit als Befreiungsgötze verkauft wird, wurde unfreiwillig von Karl Marx und dessen Analyse der kapitalistischen Ausbeutung des Menschen durch den Menschen (eigentlich als Kritik des Kapitalismus) gelegt, die nun in pervertierter Form durch die Hintertür wieder als (innerer und äußerer) Arbeitszwang herein kommt.

Marx hatte die Lösung in der Umkehr der Besitzverhältnisse (der Produktivmittel) gesucht (Klassenkampf) und den monetären parasitären Effekt des Zins zwar gesehen, dem aber zu wenig Bedeutung zugemessen. Er dachte noch, dass mit der Umkehr der Besitzverhältnisse eine geistige emanzipatorische Evolution des Menschen möglich ist. Dabei wurde die Arbeit im Kapitalismus, durch Marx eigentlich erkannt und verstanden als produktives Schaffen und als Teil des Mensch-Seins, durch jene monetäre Mechanik des Geldes in Arme und Reiche, in Schuldner und Gläubiger, verzerrt und verformt zu einem „Arbeitsfetisch“ (Job), auf dessen Grundlage nunmehr jeder Arbeitslose nicht mehr als vollwertiges Mitglied unserer „Leistungsgesellschaft“ gilt. Dabei erscheint es egal, ob dieser „Arbeitslose“ auch weiterhin produktiv ist, es reicht, dass dieser nicht von jemand anderem „beschäftigt“ wird. Als “produktiv” gilt heute nur, wer auf dem Markt Mehrwert schafft – ausschließlich nach den Regeln des Arbeits- und Konsum- und Kapitalmarktes.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch das Begriffspaar „Arbeitgeber –Arbeitnehmer“. Hier wird suggeriert, dass der Arbeitgeber ein Gebender ist und der, der die Arbeit ausführt, ein Nehmender. So wird symbolhaft eine Eltern-Kind-Matrix eröffnet, die den “Arbeitnehmer” in ein Kind-Ich fixiert und den „Arbeitgeber“ in ein Eltern-Ich. Diese Dualität findet sich in allen Bereichen. Wenn Journalisten in Fernsehsendungen fragen, wer uns (Deutsche) „am besten regiert“, dann ist es die Frage eines Kindes nach seinen guten Eltern. Das Thema der Organisation von Arbeit tangiert also gewissermaßen auch Fragen des Erwachsen-Seins, der Eigenverantwortung, die Menschen für sich und für die Gemeinschaft verstehen.

Die Struktur der Gesellschaft, in der wir noch heute leben, ist eine Struktur von Abhängigen, nicht von freien Menschen. Auch interessant zu beobachten, wie immer wieder die Attribute „sozial“ und „finanziell“ gleichgesetzt werden. Man denke an: „Soziale Absicherung“, „Soziale Armut“, die „Sozial Schwachen“, etc., bla bla. Dabei ist es ganz klar. Jene Probleme, die hier mit dem Attribut “sozial” angesprochen werden, sind nicht sozialer, sondern finanzieller Natur.

Wenn mir das Arbeitsamt, die Renten-, die Krankenkasse, oder das „Sozialamt“ beispielsweise „verspricht“, mich „sozial abzusichern“, dann ist das eine Anmaßung, eine Unterstellung und eine Lüge! Diese Behörden sichern mich lediglich finanziell ab. Ich brauche nicht „sozial abgesichert“ zu werden, denn das mache ich bitteschön selbst. Schließlich bin ich erwachsen und mündig und von Hause aus ein soziales Wesen.

Wem nützt es also, den finanziellen und materiellen Aspekt mit dem sozialen Aspekt des Lebens gleichzusetzen? Was für eine Realität wird geschaffen, wenn wir beides vermengen; was macht das mit unserem Selbst(Wert)Gefühl? Der Kapitalismus als Struktur basiert auf diese neurolinguistischen Abwertungen der menschlichen Natur, um den Wert des Menschen schon im Ansatz mit solchen Verzerrungen in der Amts- und Umgangssprache herabzusetzen und funktionell zu deformieren!

Da kommt mir das Konzept eines „bedingungslosen Grundeinkommens“ oder auch der Freiwirtschaft wesentlich ehrlicher und menschenwürdiger daher; sowohl von ihren Implikationen, als auch von der Wirkung auf den Menschen als soziales Wesen. Denn in diesen Modellen wird der soziale Aspekt, also das, wofür jeder Mensch selbst die Verantwortung trägt und tragen sollte, von der Lebensgrundvoraussetzung des Materiellen/ Finanziellen getrennt. Sie lassen dem Einzelnen seine Würde, seine Freiheit und seine individuelle und soziale Verantwortung!

Jeder entfaltet sein kreatives Potenzial doch am Besten, wenn er nicht mehr von der Angst beherrscht wird. Unsere kapitalistische Angstgesellschaft macht aus uns Menschen Getriebene und erzeugt permanenten sozialen und psychischen Druck – daraus resultiert letztlich „technischer Fortschritt“, den in dieser Form niemand mehr braucht. Die Technologie, in die Milliarden gepumpt werden, macht uns zu Hybridwesen, sie entmenschlicht, entseelt uns und unsere Kinder, ohne, dass wir es merken! Denn wir sind von Kindheit an fortschrittsgläubig konditioniert worden.

Im Grunde werden wir permanent genötigt, unsere Angst vor Arbeitslosigkeit zu händeln. Sie bestimmt unser Leben, ohne, dass wir es merken. Wir haben uns an die unbewusste Abwehr dieser Angst gewöhnt. Es zählt nicht mehr die Arbeit, sondern die Erhaltung eines Arbeitsplatzes. Der eigene Wert, der eigene Bezug zur “Arbeit” ist unwesentlich geworden. Hauptsache, man ist “in Arbeit”. Und Abwehrmöglichkeiten der Angst werden genug geboten, davon lebt das System: Von einer Ideologie, die einem Fortschritt hinterher jagt, der keiner ist. Dieser Fortschritt erpresst uns Menschen und macht uns gleichermaßen abhängig vom Getriebe der transhumanistischen (entseelten) Systemoptimierung, in der wir wie Transistoren auf einer Platine funktionieren!

Nein, ich rede nicht davon, still zu stehen. Aber Bewegung unter permanenten Druck ist auch Stillstand. Denn es ist Bewegung in immer denselben Bahnen; Bewegung, die ständig das Falsche wiederholt. Echte Bewegung, Veränderung, Wandel gelingt mit der Ruhe und Muße als Freund, nicht als Feind. In einer Gesellschaft, in der wir z.B. längst die Ressourcen für ein Bedingungsloses Grundeinkommen haben, bzw. in der wir längst das Lebenszerstörende des exponentiellen Zinssystems erkannt haben, wird es Zeit, die Grundlagen echter Freiheit zu schaffen, anstatt “Freiheit” nur als Götze vor uns her zu schieben, der uns in Wirklichkeit versklavt. Denn im Kapitalismus gibt es Freiheit nur im Zusammenhang mit Geld. Und nach welchen Mechanismen Reichtum auf dem Sektor der Geldhortung und Armut auf dem Sektor der Wertschöpfung funktionieren, hat nicht nur Karl Marx, sondern viele andere (freiwirtschaftliche) Autoren, die sich mit der Lebensfeindlichkeit der kapitalistischen Wirtschaftsstruktur beschäftigen haben, gezeigt (und wie es anders geht: Silvio Gesell – das Experiment von Wörgl).

Mein Plädoyer: Jeder soll ein Dach über den Kopf und genug zu essen haben. Die Voraussetzungen dafür sind längst gegeben, wenn auch noch nicht institutionalisiert. Noch setzt das Re-Gier-System auf Ausbeutung und Unterdrückung!

Was es im Zusammenhang mit der Neudefinition von Mensch-Sein und der Frage, nach welchen Regeln wir leben wollen, noch braucht, ist ein positives Menschenbild! Dies impliziert, dass nicht Angst und Druck Menschen zu Leistungen befähigen, sondern Freiheit, Absicherung und Würde!

Existenz-Angst führt zu Anpassung, Egoismus und Selbstbeschränkung. Freiheit dagegen führt zu Leistung, Kreativität und Vielfalt. Angst führt zu Abhängigkeit, Konformismus und Freund-Feind-Denken (das sich auch in der gesellschaftlichen Spaltung als Mitläufertum zeigt). Soziale Sicherheit dagegen führt zu echtem Individualismus, mit dem eine echte vielfältige Gemeinschaft erst möglich wird.

Ehrliche Erziehung, die an den Stärken eines jeden Individuums ansetzt, ist dann Grundvoraussetzung für das Erlernen jener Kompetenzen, mit der der Einzelne seine Freiheit ausgestalten kann – im besten Falle zum Wohle der Gemeinschaft. Aber nicht als Ideologie, wie im Kommunismus. Oder als Erpressung, wie im Kapitalismus. Der Heranwachsende, der durch eine liebevolle und positive (ihn als Individuum bejahende) Erziehung sich und seine Fähigkeiten kennengelernt hat, kann sie dann in den Dienst der Gemeinschaft stellen und dafür entsprechend bezahlt werden.

Die Zeiten, in denen jeder zum Egoismus gezwungen wurde, sind dann vorbei. Menschliche Selbstbejahung und -verwirklichung führt zu echter Gemeinschaft, und eben nicht die Existenzangst von entseelten Rädchen im Industrie-Getriebe! In neuen Wachstumszwang-freien Gesellschaften bestimmt dann ein jeder selbst seinen Lebensstandard. Das wäre für mich die Vision einer ideologiefreien Gesellschaft ohne Gängelung und ideologischer Bevormundung.

Eine angstfreie (alle sind reich, statt wenige!) Gesellschaft macht Schluss mit starren, Angst- und Schuldgefühl-erzeugenden Ideologien, da sie die Frage der individuellen Eigenverantwortung sozusagen “nicht-ideologisch” löst und dem Einzelnen die Verantwortung für sein Leben zurückgibt. Dadurch kann sich niemand mehr als Opfer der Umstände oder anderer Gruppen profilieren. Unmenschliche Konkurrenz wäre überwunden.

Schlimm für alle, die andere (Gruppen) gerne für ihre Misere verantwortlich machen und schlimm für alle, die nur in ideologischen Schablonen zu denken gelernt haben. Schlimm auch für alle “Befreier” und “Ankläger” – sie hätten nichts mehr zu tun! In letzter Konsequenz schlimm für die Demokratur (Parteiendiktatur), sie lebt ja von der Delegierung von Verantwortung und von der Simulation stellvertretender Auseinandersetzung.

Wenn wir Menschen erkennen, dass jeder selbstverantwortlich ist für die Gestaltung seines Lebens und dafür die Voraussetzungen eben durch eine neue freiwirtschaftliche Wirtschaftsstruktur oder gerechtere Ressourcenumverteilung gegeben sind – was für ein “Grauen” für alle Despoten – es bestünde die Gefahr echter Demokratie. Denn wir hätten die Eigenmacht zurück, könnten in Gemeinschaft leben und brauchen dann auch keine Re-Gier-ung mehr, an die wir sie abgeben und uns dann über die eigene Machtlosigkeit wundern!

Anm.: Re-Gier-ung: Auf die Gier zurückgehend

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