8. Mai 2021

Ideologie – Weltbildkrise?

Ideologien sind geschlossene Weltbilder. Die helfen uns nicht weiter in liberalen, aufklärungsorientierten Gesellschaften mit einem hohen Anspruch an ihre Innovations- und Erneuerungsfähigkeit. Denkmuster zu hinterfragen, ist deshalb auch eine emanzipatorische Agenda.

https://taz.de/Politoekonomin-Maja-Goepel-ueber-Ideologie/!5722049/

Bitte das ganze Interview lesen! Großartig    LG   Winrich Prenk

“Gleichzeitig versuchen klassische Linke, das ideologisch als „links“ zu rahmen oder gar den guten alten Metadiskurs zu führen, etwa Katja Kipping mit ihrem schneidigen „Klimaschutz oder Kapitalismus“. Was halten Sie davon?

Gar nichts. Jedes weitere binäre Festfahren in Gegensatzpaaren und vermeintlichen Unvereinbarkeiten wirkt in einer sowieso schon sehr gestressten Gesellschaft sicher nicht darauf hin, dass wir demokratische Lösungen für diese Krisen finden. Statt große Kategorien in Stellung zu bringen, sollten zentrale politische Stellschrauben identifiziert werden, die Umweltschutz und soziale Ziele zusammenbringen.”

“Warum?

Weil wir aus einem moralischen Imperativ heraus die Wirtschaft abgewürgt haben und kreativ geworden sind in den ökonomischen Instrumenten, um die schlimmsten Folgen für die Unternehmen und die Bevölkerung abzufedern. Leider noch nicht kreativ genug, denn im Rahmen der Transfers könnte natürlich viel sinnvolle Transformationsarbeit stattfinden. Nehmen wir ein Beispiel: Solange Messen nicht mehr stattfinden können, werden die Mitar­beiter damit beauftragt, nachhaltige Kon­zepte zu entwickeln, sodass diese Müllhaldeneffekte in Zukunft ausbleiben. Qualitative Entwicklung und das Wachstum des BIPs sind also nicht das Gleiche.

Das BIP muss weg?

Der Wirtschaftswissenschaftler Joseph Stiglitz hat das noch vor Corona auf den Punkt gebracht: Wir haben eine Demokratiekrise, Klimakrise und Ungleichheitskrise, und unser Leitindikator BIP vermittelt uns nicht den Hauch der Idee, dass wir ein Problem haben könnten.

Sie werden jetzt aber doch nicht ernsthaft für die Akademiker-Telenovela vom entschleunigten Leben argumentieren?

Sie meinen, ich sollte Keynes nicht zu ernst nehmen? Ich finde seinen Essay zu den Möglichkeiten unserer Enkel von 1930 ziemlich inspirierend. Bis 2030 sei die maschinelle Fertigung so weit, dass die materiellen Bedürfnisse mit geringer Arbeitszeit gedeckt werden und die Menschen sich endlich dem widmen könnten, was Lebensqualität und Zivilisation befördert: Bildung, Freunde, Familie, Gesundheit, Kunst und Kultur. Für diese Utopie hat er nicht einmal eine ökologische Krise gebraucht.

Tempo kann auch geil sein.

Temporär. Lebendige Systeme nehmen sonst Schaden. Ökosysteme können ihre Puffer auch eine Zeit lang strapazieren, aber irgendwann müssen sie die wieder aufladen können. Das Gleiche kennen wir doch von uns selbst auch. In verschiedenen Lebensphasen kann man auf unterschiedliches Tempo gehen, aber dauerhaft immer höhere Produktivität geht dann auf Kosten von Qualität und Resilienz.

Sind Sie dann letztlich eine Law-and-Order-Frau, die jenseits von Revolutionsflausen auf Ordnungspolitik setzt?

Recht und Ordnung verraten ja schon als Begriff, dass sie eine bestimmte moralische und normative Zielperspektive in sich tragen. Was das konkret bedeutet, ergibt sich immer aus dem historischen Kontext. Wenn sich also die Bedingungen unserer Existenz radikal verändert haben, dann kann das Bemühen um den Erhalt von Grundrechten und eines den Herausforderungen angemessenen Ordnungsrahmens zum Schutz von Freiheiten tatsächlich als revolutionär erscheinen. Das liegt aber weniger an meiner Gesinnung als an den radikal veränderten Rahmenbedingungen”

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