{"id":24365,"date":"2025-05-08T10:01:00","date_gmt":"2025-05-08T08:01:00","guid":{"rendered":"https:\/\/humanwirtschaftspartei.de\/?p=24365"},"modified":"2025-05-13T20:03:32","modified_gmt":"2025-05-13T18:03:32","slug":"richard-von-weizsaecker-rede-zum-08-mai-1945","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/humanwirtschaftspartei.de\/?p=24365","title":{"rendered":"Richard von Weizs\u00e4cker Rede zum 08.Mai.1945"},"content":{"rendered":"\n<p>Gehalten am 08.Mai.1985 in Bonn<\/p>\n\n\n\n<p>Viele V&ouml;lker gedenken heute des Tages, an dem der Zweite Weltkrieg in Europa zu Ende ging. Seinem Schicksal gem&auml;&szlig; hat jedes Volk dabei seine eigenen Gef&uuml;hle. Sieg oder Niederlage, Befreiung von Unrecht und Fremdherrschaft oder &Uuml;bergang zu neuer Abh&auml;ngigkeit, Teilung, neue B&uuml;ndnisse, gewaltige Machtverschiebungen &ndash; der 8. Mai 1945 ist ein Datum von entscheidender historischer Bedeutung in Europa. Wir Deutsche begehen den Tag unter uns, und das ist notwendig. Wir m&uuml;ssen die Ma&szlig;st&auml;be allein finden. Schonung unserer Gef&uuml;hle durch uns selbst oder durch andere hilft nicht weiter. Wir brauchen und wir haben die Kraft, der Wahrheit so gut wir es k&ouml;nnen ins Auge zu sehen, ohne Besch&ouml;nigung und ohne Einseitigkeit. Der 8. Mai ist f&uuml;r uns vor allem ein Tag der Erinnerung an das, was Menschen erleiden mu&szlig;ten. Er ist zugleich ein Tag des Nachdenkens &uuml;ber den Gang unserer Geschichte. Je ehrlicher wir ihn begehen, desto freier sind wir, uns seinen Folgen verantwortlich zu stellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der 8. Mai ist f&uuml;r uns Deutsche kein Tag zum Feiern. Die Menschen, die ihn bewu&szlig;t erlebt haben, denken an ganz pers&ouml;nliche und damit ganz unterschiedliche Erfahrungen zur&uuml;ck. Der eine kehrte heim, der andere wurde heimatlos. Dieser wurde befreit, f&uuml;r jenen begann die Gefangenschaft. Viele waren einfach nur daf&uuml;r dankbar, da&szlig; Bombenn&auml;chte und Angst vor&uuml;ber und sie mit dem Leben davongekommen waren. Andere empfanden Schmerz &uuml;ber die vollst&auml;ndige Niederlage des eigenen Vaterlandes. Verbittert standen Deutsche vor zerrissenen Illusionen, dankbar andere Deutsche vor dem geschenkten neuen Anfang. Es war schwer, sich alsbald klar zu orientieren. Ungewi&szlig;heit erf&uuml;llte das Land. Die milit&auml;rische Kapitulation war bedingungslos. Unser Schicksal lag in der Hand der Feinde. Die Vergangenheit war furchtbar gewesen, zumal auch f&uuml;r viele dieser Feinde. W&uuml;rden sie uns nun nicht vielfach entgelten lassen, was wir ihnen angetan hatten? Die meisten Deutschen hatten geglaubt, f&uuml;r die gute Sache des eigenen Landes zu k&auml;mpfen und zu leiden. Und nun sollte sich herausstellen: Das alles war nicht nur vergeblich und sinnlos, sondern es hatte den unmenschlichen Zielen einer verbrecherischen F&uuml;hrung gedient. Ersch&ouml;pfung, Ratlosigkeit und neue Sorgen kennzeichneten die Gef&uuml;hle der meisten. W&uuml;rde man noch eigene Angeh&ouml;rige finden? Hatte ein Neuaufbau in diesen Ruinen &uuml;berhaupt Sinn? Der Blick ging zur&uuml;ck in einen dunklen Abgrund der Vergangenheit und nach vorn in eine ungewisse dunkle Zukunft. Und dennoch wurde von Tag zu Tag klarer, was es heute f&uuml;r uns alle gemeinsam zu sagen gilt: Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Niemand wird um dieser Befreiung willen vergessen, welche schweren Leiden f&uuml;r viele Menschen mit dem 8. Mai erst begannen und danach folgten. Aber wir d&uuml;rfen nicht im Ende des Krieges die Ursache f&uuml;r Flucht, Vertreibung und Unfreiheit sehen. Sie liegt vielmehr in seinem Anfang und im Beginn jener Gewaltherrschaft, die zum Krieg f&uuml;hrte.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir d&uuml;rfen den 8. Mai 1945 nicht vom 30. Januar 1933 trennen. Wir haben wahrlich keinen Grund, uns am heutigen Tag an Siegesfesten zu beteiligen. Aber wir haben allen Grund, den 8. Mai 1945 als das Ende eines Irrweges deutscher Geschichte zu erkennen, das den Keim der Hoffnung auf eine bessere Zukunft barg. Der 8. Mai ist ein Tag der Erinnerung. Erinnern hei&szlig;t, eines Geschehens so ehrlich und rein zu gedenken, da&szlig; es zu einem Teil des eigenen Innern wird. Das stellt gro&szlig;e Anforderungen an unsere Wahrhaftigkeit. Wir gedenken heute in Trauer aller Toten des Krieges und der Gewaltherrschaft. Wir gedenken insbesondere der sechs Millionen Juden, die in deutschen Konzentrationslagern ermordet wurden. Wir gedenken aller V&ouml;lker, die im Krieg gelitten haben, vor allem der uns&auml;glich vielen B&uuml;rger der Sowjetunion und der Polen, die ihr Leben verloren haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Deutsche gedenken wir in Trauer der eigenen Landsleute, die als Soldaten, bei den Fliegerangriffen in der Heimat, in Gefangenschaft und bei der Vertreibung ums Leben gekommen sind. Wir gedenken der ermordeten Sinti und Roma, der get&ouml;teten Homosexuellen, der umgebrachten Geisteskranken, der Menschen, die um ihrer religi&ouml;sen oder politischen &Uuml;berzeugung willen sterben mu&szlig;ten. Wir gedenken der erschossenen Geiseln. Wir denken an die Opfer des Widerstandes in allen von uns besetzten Staaten. Als Deutsche ehren wir das Andenken der Opfer des deutschen Widerstandes, des b&uuml;rgerlichen, des milit&auml;rischen und glaubensbegr&uuml;ndeten, des Widerstandes in der Arbeiterschaft und bei Gewerkschaften, des Widerstandes der Kommunisten. Wir gedenken derer, die nicht aktiv Widerstand leisteten, aber eher den Tod hinnahmen, als ihr Gewissen zu beugen. Neben dem un&uuml;bersehbar gro&szlig;en Heer der Toten erhebt sich ein Gebirge menschlichen Leids, Leid um die Toten, Leid durch Verwundung und Verkr&uuml;ppelung, Leid durch unmenschliche Zwangssterilisierung, Leid in Bombenn&auml;chten, Leid durch Flucht und Vertreibung, durch Vergewaltigung und Pl&uuml;nderung, durch Zwangsarbeit, durch Unrecht und Folter, durch Hunger und Not, Leid durch Angst vor Verhaftung und Tod, Leid durch Verlust all dessen, woran man irrend geglaubt und wof&uuml;r man gearbeitet hatte. Heute erinnern wir uns dieses menschlichen Leids und gedenken seiner in Trauer. Den vielleicht gr&ouml;&szlig;ten Teil dessen, was den Menschen aufgeladen war, haben die Frauen der V&ouml;lker getragen. Ihr Leiden, ihre Entsagung und ihre stille Kraft vergi&szlig;t die Weltgeschichte nur allzu leicht. Sie haben gebangt und gearbeitet, menschliches Leben getragen und besch&uuml;tzt. Sie haben getrauert um gefallene V&auml;ter und S&ouml;hne, M&auml;nner, Br&uuml;der und Freunde. Sie haben in den dunkelsten Jahren das Licht der Humanit&auml;t vor dem Erl&ouml;schen bewahrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende des Krieges haben sie als erste und ohne Aussicht auf eine gesicherte Zukunft Hand angelegt, um wieder einen Stein auf den anderen zu setzen, die Tr&uuml;mmerfrauen in Berlin und &uuml;berall. Als die &uuml;berlebenden M&auml;nner heimkehrten, mu&szlig;ten Frauen oft wieder zur&uuml;ckstehen. Viele Frauen blieben aufgrund des Krieges allein und verbrachten ihr Leben in Einsamkeit. Wenn aber die V&ouml;lker an den Zerst&ouml;rungen, den Verw&uuml;stungen, den Grausamkeiten und Unmenschlichkeiten innerlich nicht zerbrachen, wenn sie nach dem Krieg langsam wieder zu sich selbst kamen, dann verdanken wir es zuerst unseren Frauen. Am Anfang der Gewaltherrschaft hatte der abgrundtiefe Hass Hitlers gegen unsere j&uuml;dischen Mitmenschen gestanden. Hitler hatte ihn nie vor der &Ouml;ffentlichkeit verschwiegen, sondern das ganze Volk zum Werkzeug dieses Hasses gemacht. Noch am Tag vor seinem Ende am 30. April 1945 hatte er sein sogenanntes Testament mit den Worten abgeschlossen: &ldquo;Vor allem verpflichte ich die F&uuml;hrung der Nation und die Gefolgschaft zur peinlichen Einhaltung der Rassegesetze und zum unbarmherzigen Widerstand gegen den Weltvergifter aller V&ouml;lker, das internationale Judentum.&ldquo; Gewi&szlig;, es gibt kaum einen Staat, der in seiner Geschichte immer frei blieb von schuldhafter Verstrickung in Krieg und Gewalt. Der V&ouml;lkermord an den Juden jedoch ist beispiellos in der Geschichte. Die Ausf&uuml;hrung des Verbrechens lag in der Hand weniger. Vor den Augen der &Ouml;ffentlichkeit wurde es abgeschirmt. Aber jeder Deutsche konnte miterleben, was j&uuml;dische Mitb&uuml;rger erleiden mu&szlig;ten, von kalter Gleichg&uuml;ltigkeit &uuml;ber versteckte Intoleranz bis zu offenem Ha&szlig;. Wer konnte arglos bleiben nach den Br&auml;nden der Synagogen, den Pl&uuml;nderungen, der Stigmatisierung mit dem Judenstern, dem Rechtsentzug, der unaufh&ouml;rlichen Sch&auml;ndung der menschlichen W&uuml;rde? Wer seine Ohren und Augen aufmachte, wer sich informieren wollte, dem konnte nicht entgehen, da&szlig; Deportationsz&uuml;ge rollten. Die Phantasie der Menschen mochte f&uuml;r Art und Ausma&szlig; der Vernichtung nicht ausreichen. Aber in Wirklichkeit trat zu den Verbrechen selbst der Versuch allzu vieler, auch in meiner Generation, die wir jung und an der Planung und Ausf&uuml;hrung der Ereignisse unbeteiligt waren, nicht zur Kenntnis zu nehmen, was geschah. Es gab viele Formen, das Gewissen ablenken zu lassen, nicht zust&auml;ndig zu sein, wegzuschauen, zu schweigen. Als dann am Ende des Krieges die ganze unsagbare Wahrheit des Holocaust herauskam, beriefen sich allzu viele von uns darauf, nichts gewu&szlig;t oder auch nur geahnt zu haben. Schuld oder Unschuld eines ganzen Volkes gibt es nicht. Schuld ist, wie Unschuld, nicht kollektiv, sondern pers&ouml;nlich. Es gibt entdeckte und verborgen gebliebene Schuld von Menschen. Es gibt Schuld, die sich Menschen eingestanden oder abgeleugnet haben. Jeder, der die Zeit mit vollem Bewu&szlig;tsein erlebt hat, frage sich heute im Stillen selbst nach seiner Verstrickung. Der ganz &uuml;berwiegende Teil unserer heutigen Bev&ouml;lkerung war zur damaligen Zeit entweder im Kindesalter oder noch gar nicht geboren. Sie k&ouml;nnen nicht eine eigene Schuld bekennen f&uuml;r Taten, die sie gar nicht begangen haben. Kein f&uuml;hlender Mensch erwartet von ihnen, ein B&uuml;&szlig;erhemd zu tragen, nur weil sie Deutsche sind. Aber die Vorfahren haben ihnen eine schwere Erbschaft hinterlassen. Wir alle, ob schuldig oder nicht, ob alt oder jung, m&uuml;ssen die Vergangenheit annehmen. Wir alle sind von ihren Folgen betroffen und f&uuml;r sie in Haftung genommen. J&uuml;ngere und &Auml;ltere m&uuml;ssen und k&ouml;nnen sich gegenseitig helfen zu verstehen, warum es lebenswichtig ist, die Erinnerung wachzuhalten. Es geht nicht darum, Vergangenheit zu bew&auml;ltigen. Das kann man gar nicht. Sie l&auml;&szlig;t sich ja nicht nachtr&auml;glich &auml;ndern oder ungeschehen machen. Wer aber vor der Vergangenheit die Augen verschlie&szlig;t, wird blind f&uuml;r die Gegenwart. Wer sich der Unmenschlichkeit nicht erinnern will, der wird wieder anf&auml;llig f&uuml;r neue Ansteckungsgefahren. Das j&uuml;dische Volk erinnert sich und wird sich immer erinnern. Wir suchen als Menschen Vers&ouml;hnung. Gerade deshalb m&uuml;ssen wir verstehen, da&szlig; es Vers&ouml;hnung ohne Erinnerung gar nicht geben kann. Die Erfahrung millionenfachen Todes ist ein Teil des Innern jedes Juden in der Welt, nicht nur deshalb, weil Menschen ein solches Grauen nicht vergessen k&ouml;nnen. Sondern die Erinnerung geh&ouml;rt zum j&uuml;dischen Glauben. &ldquo;Das Vergessenwollen verl&auml;ngert das Exil, und das Geheimnis der Erl&ouml;sung hei&szlig;t Erinnerung.&ldquo; Diese oft zitierte j&uuml;dische Weisheit will wohl besagen, da&szlig; der Glaube an Gott ein Glaube an sein Wirken in der Geschichte ist. Die Erinnerung ist die Erfahrung vom Wirken Gottes in der Geschichte. Sie ist die Quelle des Glaubens an die Erl&ouml;sung. Diese Erfahrung schafft Hoffnung, sie schafft Glauben an Erl&ouml;sung, an<\/p>\n\n\n\n<p>Wiedervereinigung des Getrennten, an Vers&ouml;hnung. Wer sie vergi&szlig;t, verliert den Glauben. W&uuml;rden wir unsererseits vergessen wollen, was geschehen ist, anstatt uns zu erinnern, dann w&auml;re dies nicht nur unmenschlich. Sondern wir w&uuml;rden damit dem Glauben der &uuml;berlebenden Juden zu nahe treten, und wir w&uuml;rden den Ansatz zur Vers&ouml;hnung zerst&ouml;ren. F&uuml;r uns kommt es auf ein Mahnmal des Denkens und F&uuml;hlens in unserem eigenen Inneren an. Der 8. Mai ist ein tiefer historischer Einschnitt, nicht nur in der deutschen, sondern auch in der europ&auml;ischen Geschichte. Der europ&auml;ische B&uuml;rgerkrieg war an sein Ende gelangt, die alte europ&auml;ische Welt zu Bruch gegangen. &ldquo;Europa hatte sich ausgek&auml;mpft&ldquo; (M. St&uuml;rmer). Die Begegnung amerikanischer und sowjetrussischer Soldaten an der Elbe wurde zu einem Symbol f&uuml;r das vorl&auml;ufige Ende einer europ&auml;ischen &Auml;ra.<\/p>\n\n\n\n<p>Gewi&szlig;, das alles hatte seine alten geschichtlichen Wurzeln. Gro&szlig;en, ja bestimmenden Einflu&szlig; hatten die Europ&auml;er in der Welt, aber ihr Zusammenleben auf dem eigenen Kontinent zu ordnen, das vermochten sie immer schlechter. &Uuml;ber hundert Jahre lang hatte Europa unter dem Zusammenprall nationalistischer &Uuml;bersteigerungen gelitten. Am Ende des Ersten Weltkrieges war es zu Friedensvertr&auml;gen gekommen. Aber ihnen hatte die Kraft gefehlt, Frieden zu stiften. Erneut waren nationalistische Leidenschaften aufgeflammt und hatten sich mit sozialen Notlagen verkn&uuml;pft.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg ins Unheil wurde Hitler die treibende Kraft. Er erzeugte und er nutzte Massenwahn. Eine schwache Demokratie war unf&auml;hig, ihm Einhalt zu gebieten. Und auch die europ&auml;ischen Westm&auml;chte, nach Churchills Urteil &ldquo;arglos, nicht schuldlos&rdquo;, trugen durch Schw&auml;che zur verh&auml;ngnisvollen Entwicklung bei. Amerika hatte sich nach dem Ersten Weltkrieg wieder zur&uuml;ckgezogen und war in den drei&szlig;iger Jahren ohne Einflu&szlig; auf Europa. Hitler wollte die Herrschaft &uuml;ber Europa, und zwar durch Krieg. Den Anla&szlig; daf&uuml;r suchte und fand er in Polen. Am 23. Mai 1939 &ndash; wenige Monate vor Kriegsausbruch &ndash; erkl&auml;rte er vor der deutschen Generalit&auml;t: &ldquo;Weitere Erfolge k&ouml;nnen ohne Blutvergie&szlig;en nicht mehr errungen werden &hellip; Danzig ist nicht das Objekt, um das es geht. Es handelt sich f&uuml;r uns um die Erweiterung des Lebensraumes im Osten und Sicherstellung der Ern&auml;hrung &hellip; Es entf&auml;llt also die Frage, Polen zu schonen, und bleibt der Entschlu&szlig;, bei erster passender Gelegenheit Polen anzugreifen &hellip; Hierbei spielen Recht oder Unrecht oder Vertr&auml;ge keine Rolle.&ldquo; Am 23. August 1939 wurde der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt geschlossen. Das geheime Zusatzprotokoll regelte die bevorstehende Aufteilung Polens. Der Vertrag wurde geschlossen, um Hitler den Einmarsch in Polen zu erm&ouml;glichen. Das war der damaligen F&uuml;hrung der Sowjetunion voll bewu&szlig;t. Allen politisch denkenden Menschen jener Zeit war klar, da&szlig; der deutsch-sowjetische Pakt Hitlers Einmarsch in Polen und damit den Zweiten Weltkrieg bedeutete. Dadurch wird die deutsche Schuld am Ausbruch des Zweiten Weltkrieges nicht verringert. Die Sowjetunion nahm den Krieg anderer V&ouml;lker in Kauf, um sich am Ertrag zu beteiligen. Die Initiative zum Krieg aber ging von Deutschland aus, nicht von der Sowjetunion. Es war Hitler, der zur Gewalt griff. Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges bleibt mit dem deutschen Namen verbunden. W&auml;hrend dieses Krieges hat das nationalsozialistische Regime viele V&ouml;lker gequ&auml;lt und gesch&auml;ndet.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende blieb nur noch ein Volk &uuml;brig, um gequ&auml;lt, geknechtet und gesch&auml;ndet zu werden: das eigene, das deutsche Volk. Immer wieder hat Hitler ausgesprochen: wenn das deutsche Volk schon nicht f&auml;hig sei, in diesem Krieg zu siegen, dann m&ouml;ge es eben untergehen. Die anderen V&ouml;lker wurden zun&auml;chst Opfer eines von Deutschland ausgehenden Krieges, bevor wir selbst zu Opfern unseres eigenen Krieges wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Es folgte die von den Siegerm&auml;chten verabredete Aufteilung Deutschlands in verschiedene Zonen. Inzwischen war die Sowjetunion in alle Staaten Ost- und S&uuml;dosteuropas, die w&auml;hrend des Krieges von Deutschland besetzt worden waren, einmarschiert. Mit Ausnahme Griechenlands wurden alle diese Staaten sozialistische Staaten. Die Spaltung Europas in zwei verschiedene politische Systeme nahm ihren Lauf. Es war erst die Nachkriegsentwicklung, die sie befestigte. Aber ohne den von Hitler begonnenen Krieg w&auml;re sie nicht gekommen. Daran denken die betroffenen V&ouml;lker zuerst, wenn sie sich des von der deutschen F&uuml;hrung ausgel&ouml;sten Krieges erinnern. Im Blick auf die Teilung unseres eigenen Landes und auf den Verlust gro&szlig;er Teile des deutschen Staatsgebietes denken auch wir daran. In seiner Predigt zum 8. Mai sagte Kardinal Mei&szlig;ner in Ostberlin: &ldquo;Das trostlose Ergebnis der S&uuml;nde ist immer die Trennung.&ldquo; Die Willk&uuml;r der Zerst&ouml;rung wirkte in der willk&uuml;rlichen Verteilung der Lasten nach. Es gab Unschuldige, die verfolgt wurden, und Schuldige, die entkamen. Die einen hatten das Gl&uuml;ck, zu Hause in vertrauter Umgebung ein neues Leben aufbauen zu k&ouml;nnen. Andere wurden aus der angestammten Heimat vertrieben. Wir in der sp&auml;teren Bundesrepublik Deutschland erhielten die kostbare Chance der Freiheit. Vielen Millionen Landsleuten bleibt sie bis heute versagt. Die Willk&uuml;r der Zuteilung unterschiedlicher Schicksale ertragen zu lernen, war die erste Aufgabe im Geistigen, die sich neben der Aufgabe des materiellen Wiederaufbaus stellte. An ihr mu&szlig;te sich die menschliche Kraft proben, die Lasten anderer zu erkennen, an ihnen dauerhaft mitzutragen, sie nicht zu vergessen. In ihr mu&szlig;te die F&auml;higkeit zum Frieden und die Bereitschaft zur Vers&ouml;hnung nach innen und au&szlig;en wachsen, die nicht nur andere von uns forderten, sondern nach denen es uns selbst am allermeisten verlangte. Wir k&ouml;nnen des 8. Mai nicht gedenken, ohne uns bewu&szlig;t zu machen, welche &Uuml;berwindung die Bereitschaft zur Auss&ouml;hnung den ehemaligen Feinden abverlangte. K&ouml;nnen wir uns wirklich in die Lage von Angeh&ouml;rigen der Opfer des Warschauer Ghettos oder des Massakers von Lidice versetzen? Wie schwer mu&szlig;te es aber auch einem B&uuml;rger in Rotterdam oder London fallen, den Wiederaufbau unseres Landes zu unterst&uuml;tzen, aus dem die Bomben stammten, die erst kurze Zeit zuvor auf seine Stadt gefallen waren! Dazu mu&szlig;te allm&auml;hlich eine Gewi&szlig;heit wachsen, da&szlig; Deutsche nicht noch einmal versuchen w&uuml;rden, eine Niederlage mit Gewalt zu korrigieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei uns selbst wurde das Schwerste den Heimatvertriebenen abverlangt. Ihnen ist noch lange nach dem 8. Mai bitteres Leid und schweres Unrecht widerfahren. Um ihrem schweren Schicksal mit Verst&auml;ndnis zu begegnen, fehlt uns Einheimischen oft die Phantasie und auch das offene Herz. Aber es gab alsbald auch gro&szlig;e Zeichen der Hilfsbereitschaft. Viele Millionen Fl&uuml;chtlinge und Vertriebene wurden aufgenommen. Im Laufe der Jahre konnten sie neue Wurzeln schlagen. Ihre Kinder und Enkel bleiben auf vielfache Weise der Kultur und der Liebe zur Heimat ihrer Vorfahren verbunden. Das ist gut so, denn das ist ein wertvoller Schatz in ihrem Leben. Sie haben aber selbst eine neue Heimat gefunden, in der sie mit den gleichaltrigen Einheimischen aufwachsen und zusammenwachsen, ihre Mundart sprechen und ihre Gewohnheiten teilen. Ihr junges Leben ist ein Beweis f&uuml;r die F&auml;higkeit zum inneren Frieden. Ihre Gro&szlig;eltern oder Eltern wurden einst vertrieben, sie jedoch sind jetzt zu Hause. Fr&uuml;h und beispielhaft haben sich die Heimatvertriebenen zum Gewaltverzicht bekannt. Das war keine verg&auml;ngliche Erkl&auml;rung im anf&auml;nglichen Stadium der Machtlosigkeit, sondern ein Bekenntnis, das seine G&uuml;ltigkeit beh&auml;lt. Gewaltverzicht bedeutet, allseits das Vertrauen wachsen zu lassen, da&szlig; auch ein wieder zu Kr&auml;ften gekommenes Deutschland daran gebunden bleibt. Die eigene Heimat ist mittlerweile anderen zur Heimat geworden. Auf vielen alten Friedh&ouml;fen im Osten finden sich heute schon mehr polnische als deutsche Gr&auml;ber. Der erzwungenen Wanderschaft von Millionen Deutschen nach Westen folgten Millionen Polen und ihnen wiederum Millionen Russen. Es sind alles Menschen, die nicht gefragt wurden, Menschen, die Unrecht erlitten haben, Menschen, die wehrlose Objekte der politischen Ereignisse wurden und denen keine Aufrechnung von Unrecht und keine Konfrontation von Anspr&uuml;chen wiedergutmachen kann, was ihnen angetan worden ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Gewaltverzicht heute hei&szlig;t, den Menschen dort, wo sie das Schicksal nach dem 8. Mai hingetrieben hat und wo sie nun seit Jahrzehnten leben, eine dauerhafte, politisch unangefochtene Sicherheit f&uuml;r ihre Zukunft zu geben. Es hei&szlig;t, den widerstreitenden Rechtsanspr&uuml;chen das Verst&auml;ndigungsgebot &uuml;berzuordnen. Darin liegt der eigentliche, der menschliche Beitrag zu einer europ&auml;ischen Friedensordnung, der von uns ausgehen kann. Der Neuanfang in Europa nach 1945 hat dem Gedanken der Freiheit und Selbstbestimmung Siege und Niederlagen gebracht. F&uuml;r uns gilt es, die Chance des Schlu&szlig;strichs unter eine lange Periode europ&auml;ischer Geschichte zu nutzen, in der jedem Staat Frieden nur denkbar und sicher schien als Ergebnis eigener &Uuml;berlegenheit und in der Frieden eine Zeit der Vorbereitung des n&auml;chsten Krieges bedeutete.<\/p>\n\n\n\n<p>Die V&ouml;lker Europas lieben ihre Heimat. Den Deutschen geht es nicht anders. Wer k&ouml;nnte der Friedensliebe eines Volkes vertrauen, das imstande w&auml;re, seine Heimat zu vergessen? Nein, Friedensliebe zeigt sich gerade darin, da&szlig; man seine Heimat nicht vergi&szlig;t und eben deshalb entschlossen ist, alles zu tun, um immer in Frieden miteinander zu leben. Heimatliebe eines Vertriebenen ist kein Revanchismus. St&auml;rker als fr&uuml;her hat der letzte Krieg die Friedenssehnsucht im Herzen der Menschen geweckt. Die Vers&ouml;hnungsarbeit von Kirchen fand eine tiefe Resonanz. F&uuml;r die Verst&auml;ndigungsarbeit von jungen Menschen gibt es viele Beispiele. Ich denke an die &ldquo;Aktion S&uuml;hnezeichen&rdquo; mit ihrer T&auml;tigkeit in Auschwitz und Israel. Eine Gemeinde der niederrheinischen Stadt Kleve erhielt neulich Brote aus polnischen Gemeinden als Zeichen der Auss&ouml;hnung und Gemeinschaft. Eines dieser Brote hat sie an einen Lehrer nach England geschickt. Denn dieser Lehrer aus England war aus der Anonymit&auml;t herausgetreten und hatte geschrieben, er habe damals im Krieg als Bombenflieger Kirchen und Wohnh&auml;user in Kleve zerst&ouml;rt und w&uuml;nsche sich ein Zeichen der Auss&ouml;hnung. Es hilft unendlich viel zum Frieden, nicht auf den anderen zu warten, bis er kommt, sondern auf ihn zuzugehen, wie dieser Mann es getan hat. In seiner Folge hat der Krieg alte Gegner menschlich und auch politisch einander n&auml;hergebracht. Schon 1946 rief der amerikanische Au&szlig;enminister Byrnes in seiner denkw&uuml;rdigen Stuttgarter Rede zur Verst&auml;ndigung in Europa und dazu auf, dem deutschen Volk auf seinem Weg in eine freie und friedliebende Zukunft zu helfen. Unz&auml;hlige amerikanische B&uuml;rger haben damals mit ihren privaten Mitteln uns Deutsche, die Besiegten, unterst&uuml;tzt, um die Wunden des Krieges zu heilen. Dank der Weitsicht von Franzosen wie Jean Monnet und Robert Schuman und von Deutschen wie Konrad Adenauer endete eine alte Feindschaft zwischen Franzosen und Deutschen f&uuml;r immer.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein neuer Strom von Aufbauwillen und Energie ging durch das eigene Land. Manche alte Gr&auml;ben wurden zugesch&uuml;ttet, konfessionelle Gegens&auml;tze und soziale Spannungen verloren an Sch&auml;rfe. Partnerschaftlich ging man ans Werk. Es gab keine &ldquo;Stunde Null&rdquo;, aber wir hatten die Chance zu einem Neubeginn. Wir haben sie genutzt so gut wir konnten. An die Stelle der Unfreiheit haben wir die demokratische Freiheit gesetzt. Vier Jahre nach Kriegsende, 1949, am 8. Mai, beschlo&szlig; der Parlamentarische Rat unser Grundgesetz. &Uuml;ber Parteigrenzen hinweg gaben seine Demokraten die Antwort auf Krieg und Gewaltherrschaft im Artikel 1 unserer Verfassung: &bdquo;Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unver&auml;u&szlig;erlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.&rdquo;<\/p>\n\n\n\n<p>Auch an diese Bedeutung des 8. Mai gilt es heute zu erinnern. Die Bundesrepublik Deutschland ist ein weltweit geachteter Staat geworden. Sie geh&ouml;rt zu den hochentwickelten Industriel&auml;ndern der Welt. Mit ihrer wirtschaftlichen Kraft wei&szlig; sie sich mitverantwortlich daf&uuml;r, Hunger und Not in der Welt zu bek&auml;mpfen und zu einem sozialen Ausgleich unter den V&ouml;lkern beizutragen. Wir leben seit vierzig Jahren in Frieden und Freiheit, und wir haben durch unsere Politik unter den freien V&ouml;lkern des Atlantischen B&uuml;ndnisses und der Europ&auml;ischen Gemeinschaft dazu selbst einen gro&szlig;en Beitrag geleistet. Nie gab es auf deutschem Boden einen besseren Schutz der Freiheitsrechte des B&uuml;rgers als heute. Ein dichtes soziales Netz, das den Vergleich mit keiner anderen Gesellschaft zu scheuen braucht, sichert die Lebensgrundlage der Menschen. Hatten sich bei Kriegsende viele Deutsche noch darum bem&uuml;ht, ihren Pass zu verbergen oder gegen einen anderen einzutauschen, so ist heute unsere Staatsb&uuml;rgerschaft ein angesehenes Recht. Wir haben wahrlich keinen Grund zu &Uuml;berheblichkeit und Selbstgerechtigkeit. Aber wir d&uuml;rfen uns der Entwicklung dieser vierzig Jahre dankbar erinnern, wenn wir das eigene historische Ged&auml;chtnis als Leitlinie f&uuml;r unser Verhalten in der Gegenwart und f&uuml;r die ungel&ouml;sten Aufgaben, die auf uns warten, nutzen. &ndash; Wenn wir uns daran erinnern, da&szlig; Geisteskranke im Dritten Reich get&ouml;tet wurden, werden wir die Zuwendung zu psychisch kranken B&uuml;rgern als unsere eigene Aufgabe verstehen. &ndash; Wenn wir uns erinnern, wie rassisch, religi&ouml;s und politisch Verfolgte, die vom sicheren Tod bedroht waren, oft vor geschlossenen Grenzen anderer Staaten standen, werden wir vor denen, die heute wirklich verfolgt sind und bei uns Schutz suchen, die T&uuml;r nicht verschlie&szlig;en. &ndash; Wenn wir uns der Verfolgung des freien Geistes w&auml;hrend der Diktatur besinnen, werden wir die Freiheit jedes Gedankens und jeder Kritik sch&uuml;tzen, so sehr sie sich auch gegen uns selbst richten mag.<\/p>\n\n\n\n<p>&ndash; Wer &uuml;ber die Verh&auml;ltnisse im Nahen Osten urteilt, der m&ouml;ge an das Schicksal denken, das Deutsche den j&uuml;dischen Mitmenschen bereiteten und das die Gr&uuml;ndung des Staates Israel unter Bedingungen ausl&ouml;ste, die noch heute die Menschen in dieser Region belasten und gef&auml;hrden. &ndash; Wenn wir daran denken, was unsere &ouml;stlichen Nachbarn im Kriege erleiden mu&szlig;ten, werden wir besser verstehen, da&szlig; der Ausgleich, die Entspannung und die friedliche Nachbarschaft mit diesen L&auml;ndern zentrale Aufgaben der deutschen Au&szlig;enpolitik bleiben. Es gilt, da&szlig; beide Seiten sich erinnern und beide Seiten einander achten. Sie haben menschlich, sie haben kulturell, sie haben letzten Endes auch geschichtlich allen Grund dazu. Der Generalsekret&auml;r der Kommunistischen Partei der Sowjetunion Michail Gorbatschow hat verlautbart, es ginge der sowjetischen F&uuml;hrung beim 40. Jahrestag des Kriegsendes nicht darum, antideutsche Gef&uuml;hle zu sch&uuml;ren. Die Sowjetunion trete f&uuml;r Freundschaft zwischen den V&ouml;lkern ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Gerade wenn wir Fragen auch an sowjetische Beitr&auml;ge zur Verst&auml;ndigung zwischen Ost und West und zur Achtung von Menschenrechten in allen Teilen Europas haben, gerade dann sollten wir dieses Zeichen aus Moskau nicht &uuml;berh&ouml;ren. Wir wollen Freundschaft mit den V&ouml;lkern der Sowjetunion. Vierzig Jahre nach dem Ende des Krieges ist das deutsche Volk nach wie vor geteilt. Beim Gedenkgottesdienst in der Kreuzkirche zu Dresden sagte Bischof Hempel im Februar dieses Jahres: &ldquo;Es lastet, es blutet, da&szlig; zwei deutsche Staaten entstanden sind mit ihrer schweren Grenze. Es lastet und blutet die F&uuml;lle der Grenzen &uuml;berhaupt. Es lasten die Waffen.&ldquo; Vor kurzem wurde in Baltimore in den Vereinigten Staaten eine Ausstellung &ldquo;Juden in Deutschland&rdquo; er&ouml;ffnet. Die Botschafter beider deutscher Staaten waren der Einladung gefolgt. Der gastgebende Pr&auml;sident der Johns-Hopkins-Universit&auml;t begr&uuml;&szlig;te sie zusammen. Er verwies darauf, da&szlig; alle Deutschen auf dem Boden derselben historischen Entwicklung stehen. Eine gemeinsame Vergangenheit verkn&uuml;pfte sie mit einem Band. Ein solches Band k&ouml;nne eine Freude oder ein Problem sein &ndash; es sei immer eine Quelle der Hoffnung. Wir Deutschen sind ein Volk und eine Nation. Wir f&uuml;hlen uns zusammengeh&ouml;rig, weil wir dieselbe Geschichte durchlebt haben. Auch den 8. Mai 1945 haben wir als gemeinsames Schicksal unseres Volkes erlebt, das uns eint. Wir f&uuml;hlen uns zusammengeh&ouml;rig in unserem Willen zum Frieden. Von deutschem Boden in beiden Staaten sollen Frieden und gute Nachbarschaft mit allen L&auml;ndern ausgehen. Auch andere sollen ihn nicht zur Gefahr f&uuml;r den Frieden werden lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Menschen in Deutschland wollen gemeinsam einen Frieden, der Gerechtigkeit und Menschenrecht f&uuml;r alle V&ouml;lker einschlie&szlig;t, auch f&uuml;r das unsrige. Nicht ein Europa der Mauern kann sich &uuml;ber Grenzen hinweg vers&ouml;hnen, sondern ein Kontinent, der seinen Grenzen das Trennende nimmt. Gerade daran mahnt uns das Ende des Zweiten Weltkrieges. Wir haben die Zuversicht, da&szlig; der 8. Mai nicht das letzte Datum unserer Geschichte bleibt, das f&uuml;r alle Deutschen verbindlich ist. Manche junge Menschen haben sich und uns in den letzten Monaten gefragt, warum es vierzig Jahre nach Ende des Krieges zu so lebhaften Auseinandersetzungen &uuml;ber die Vergangenheit gekommen ist. Warum lebhafter als nach f&uuml;nfundzwanzig oder drei&szlig;ig Jahren? Worin liegt die innere Notwendigkeit daf&uuml;r? Es ist nicht leicht, solche Fragen zu beantworten. Aber wir sollten die Gr&uuml;nde daf&uuml;r nicht vornehmlich in &auml;u&szlig;eren Einfl&uuml;ssen suchen, obwohl es diese zweifellos auch gegeben hat. Vierzig Jahre spielen in der Zeitspanne von Menschenleben und V&ouml;lkerschicksalen eine gro&szlig;e Rolle.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch hier erlauben Sie mir noch einmal einen Blick auf das Alte Testament, das f&uuml;r jeden Menschen unabh&auml;ngig von seinem Glauben tiefe Einsichten aufbewahrt. Dort spielen vierzig Jahre eine h&auml;ufig wiederkehrende, eine wesentliche Rolle. Vierzig Jahre sollte Israel in der W&uuml;ste bleiben, bevor der neue Abschnitt in der Geschichte mit dem Einzug ins verhei&szlig;ene Land begann. Vierzig Jahre waren notwendig f&uuml;r einen vollst&auml;ndigen Wechsel der damals verantwortlichen V&auml;tergeneration. An anderer Stelle aber (Buch der Richter) wird aufgezeichnet, wie oft die Erinnerung an erfahrene Hilfe und Rettung nur vierzig Jahre dauerte. Wenn die Erinnerung abri&szlig;, war die Ruhe zu Ende. So bedeuten vierzig Jahre stets einen gro&szlig;en Einschnitt. Sie wirken sich aus im Bewu&szlig;tsein der Menschen, sei es als Ende einer dunklen Zeit mit der Zuversicht auf eine neue und gute Zukunft, sei es als Gefahr des Vergessens und als Warnung vor den Folgen. &Uuml;ber beides lohnt es sich nachzudenken. Bei uns ist eine neue Generation in die politische Verantwortung hereingewachsen. Die Jungen sind nicht verantwortlich f&uuml;r das, was damals geschah. Aber sie sind verantwortlich f&uuml;r das, was in der Geschichte daraus wird. Wir &Auml;lteren schulden der Jugend nicht die Erf&uuml;llung von Tr&auml;umen, sondern Aufrichtigkeit. Wir m&uuml;ssen den J&uuml;ngeren helfen zu verstehen, warum es lebenswichtig ist, die Erinnerung wachzuhalten. Wir wollen ihnen helfen, sich auf die geschichtliche Wahrheit n&uuml;chtern und ohne Einseitigkeit einzulassen, ohne Flucht in utopische Heilslehren, aber auch ohne moralische &Uuml;berheblichkeit. Wir lernen aus unserer eigenen Geschichte, wozu der Mensch f&auml;hig ist. Deshalb d&uuml;rfen wir uns nicht einbilden, wir seien nun als Menschen anders und besser geworden. Es gibt keine endg&uuml;ltig errungene moralische Vollkommenheit -f&uuml;r niemanden und kein Land! Wir haben als Menschen gelernt, wir bleiben als Menschen gef&auml;hrdet. Aber wir haben die Kraft, Gef&auml;hrdungen immer von neuem zu &uuml;berwinden. Hitler hat stets damit gearbeitet, Vorurteile, Feindschaften und Ha&szlig; zu sch&uuml;ren. Die Bitte an die jungen Menschen lautet: Lassen Sie sich nicht hineintreiben in Feindschaft und Ha&szlig; gegen andere Menschen gegen Russen oder Amerikaner, gegen Juden oder T&uuml;rken, gegen Alternative oder Konservative, gegen Schwarz oder Wei&szlig;. Lernen Sie, miteinander zu leben, nicht gegeneinander. Lassen Sie auch uns als demokratisch gew&auml;hlte Politiker dies immer wieder beherzigen und ein Beispiel geben. Ehren wir die Freiheit. Arbeiten wir f&uuml;r den Frieden. Halten wir uns an das Recht. Dienen wir unseren inneren Ma&szlig;st&auml;ben der Gerechtigkeit. Schauen wir am heutigen 8. Mai, so gut wir es k&ouml;nnen, der Wahrheit ins Auge.<\/p>\n<div class=\"pld-like-dislike-wrap pld-template-1\">\r\n    <div class=\"pld-like-wrap  pld-common-wrap\">\r\n    <a href=\"javascript:void(0)\" class=\"pld-like-trigger pld-like-dislike-trigger  \" title=\"\" data-post-id=\"24365\" data-trigger-type=\"like\" data-restriction=\"cookie\" data-already-liked=\"0\">\r\n                        <i class=\"fas fa-thumbs-up\"><\/i>\r\n                <\/a>\r\n    <span class=\"pld-like-count-wrap pld-count-wrap\">    <\/span>\r\n<\/div><div class=\"pld-dislike-wrap  pld-common-wrap\">\r\n    <a href=\"javascript:void(0)\" class=\"pld-dislike-trigger pld-like-dislike-trigger  \" title=\"\" data-post-id=\"24365\" data-trigger-type=\"dislike\" data-restriction=\"cookie\" data-already-liked=\"0\">\r\n                        <i class=\"fas fa-thumbs-down\"><\/i>\r\n                <\/a>\r\n    <span class=\"pld-dislike-count-wrap pld-count-wrap\"><\/span>\r\n<\/div><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gehalten am 08.Mai.1985 in Bonn Viele V\u00f6lker gedenken heute des Tages, an dem der Zweite Weltkrieg in Europa zu Ende ging. 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