{"id":24566,"date":"2025-07-14T20:19:21","date_gmt":"2025-07-14T18:19:21","guid":{"rendered":"https:\/\/humanwirtschaftspartei.de\/?p=24566"},"modified":"2025-07-14T20:19:26","modified_gmt":"2025-07-14T18:19:26","slug":"freiwirtschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/humanwirtschaftspartei.de\/?p=24566","title":{"rendered":"Freiwirtschaft"},"content":{"rendered":"\n<p>Die Freiwirtschaft ist ein Wirtschaftsmodell, das von Silvio Gesell, einem deutsch-argentinischen Kaufmann, Landwirt und volkswirtschaftlichen Autodidakten, im Wesentlichen zwischen 1891 und 1916 entwickelt worden ist. Anlass seiner drei ersten Schriften, die sich noch ausschlie&szlig;lich mit einer Geldreform besch&auml;ftigten, war eine argentinische Wirtschaftskrise um 1890. Anfang des 20. Jahrhunderts forderte Gesell neben einer W&auml;hrungsreform auch eine Bodenreform. Im Titel seines 1916 erschienenen Hauptwerks hei&szlig;t es deshalb: Die Nat&uuml;rliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld.<\/p>\n\n\n\n<p>Unter Freiland wird in der Freiwirtschaft der friedlich in &ouml;ffentliches Eigentum &uuml;berf&uuml;hrte Boden verstanden. Die Nutzung des Freilandes bleibt jedoch gegen Zahlung einer Pacht in privater oder genossenschaftlicher Regie. Aus der Pacht sollen zun&auml;chst die ehemaligen Eigent&uuml;mer angemessen entsch&auml;digt werden. Ist das geschehen, flie&szlig;t die Pacht &ndash; gewisserma&szlig;en als abgesch&ouml;pfte Bodenrente &ndash; der Allgemeinheit zu. Die Umsetzung der Idee des Freilandes ist eine Voraussetzung f&uuml;r die erfolgreiche Umsetzung der Idee des Freigeldes.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit Freigeld bezeichnet die Nat&uuml;rliche Wirtschaftsordnung ein Zahlungsmittel, das (wie die Ware) einem Wertverfall unterworfen ist und damit unter Umlaufzwang steht. Der Besitzer von Freigeld kann jedoch der Entwertung entgehen, wenn er die Hortung des Zahlungsmittels vermeidet, es also entweder gegen Ware eintauscht, verleiht oder auf einem Bankkonto (l&auml;ngerfristig) festlegt. Man bezeichnet das Freigeld, das nach Auffassung Gesells zu sinkenden Zinsen, eventuell sogar zu Negativzinsen und im Endeffekt zu einem Nullzinsniveau f&uuml;hrt, auch als rostende Banknoten, Flie&szlig;endes Geld oder Schwundgeld. Freiwirtschaftliche Geldexperimente, auf die sich auch die modernen Komplement&auml;rw&auml;hrungen berufen, fanden Ende der 1920er \/ Anfang der 1930er Jahre in Deutschland, &Ouml;sterreich und in den Vereinigten Staaten statt. Auch gab es eine Reihe von Versuchen, die Gesellschen Freiland-Ideen umzusetzen. Tr&auml;ger dieser Experimente waren vor allem verschiedene genossenschaftlich organisierte Siedlungsprojekte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ideengeschichtliche Beziehungen der Nat&uuml;rlichen Wirtschaftsordnung bestehen zur Physiokratie Fran&ccedil;ois Quesnays (1694&ndash;1774), zur sogenannten &bdquo;Eigennutzethik&ldquo; Max Stirners (1806&ndash;1856), zum solidarischen Anarchismus Pierre-Joseph Proudhons (1809&ndash;1865) sowie zu den Bodenreformern des 19. und 20. Jahrhunderts. Unter Letzteren ist besonders Michael Fl&uuml;rscheim zu nennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit Beginn des 21. Jahrhunderts findet die Nat&uuml;rliche Wirtschaftsordnung neue Aufmerksamkeit. Gr&uuml;nde daf&uuml;r sind unter anderem die Entstehung von Regionalw&auml;hrungen, die Weltwirtschaftskrise ab 2007, die Eurokrise ab 2010 sowie die Nullzinspolitik der Europ&auml;ischen Zentralbank.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Begriff Freiwirtschaft geht auf Silvio Gesell zur&uuml;ck. Er bezeichnete damit eine Art Vorstufe seiner Nat&uuml;rlichen Wirtschaftsordnung. Das eigentliche Ziel war die Errichtung einer Physiokratie (=Naturherrschaft). Damit verwiesen Gesell sowie seine fr&uuml;hen Anh&auml;nger Georg Blumenthal und Hans Timm auf Fran&ccedil;ois Quesnay, verbanden dessen Ideen jedoch zu Anfang des 20. Jahrhunderts mit anarchistischem und freiwirtschaftlichem Gedankengut. Anh&auml;nger Gesells bezeichneten sich in der ersten Phase der Freiwirtschaftsbewegung als Physiokraten (auch Fysiokraten, Fisiokraten). Martin Hoffmann, ein junger Theologe und ebenfalls fr&uuml;her Anh&auml;nger Gesells, unterschied Mitte der 1920er Jahre mit den genannten Begriffen zwei Str&ouml;mungen innerhalb der Gesellschen Bewegung: die b&uuml;rgerlichen Freiwirtschaftler auf der einen und die proletarischen Physiokraten auf der anderen Seite. Seit den 1930er Jahren bezeichnen sich Vertreter der Gesellschen Ideen als Freiwirtschaftler, Freiwirte und\/oder Gesellianer. Neuerdings tauchen auch die Begriffe Humanwirtschaft und Fairconomy auf. Hauptziel der Freiwirtschaft ist eine stabile, sozial gerechte Marktwirtschaft. In einem freiwirtschaftlich organisierten Wirtschaftssystem sollen Produktion und Konsum &uuml;ber den Markt vermittelt werden (Marktwirtschaft). Private oder &ouml;ffentliche Unternehmen tragen das gesch&auml;ftliche Risiko und erwirtschaften mit dem Kapitaleinsatz eine gewinnabh&auml;ngige Rendite. Das Geldverm&ouml;gen ist mit einem Negativzins belegt, wodurch es als &bdquo;umlaufgesichert&ldquo; gilt. Damit soll die Umlaufgeschwindigkeit des Freigelds erh&ouml;ht werden, wodurch gen&uuml;gend Mittel f&uuml;r Investitionen bereitst&uuml;nden. Mit dem Freigeld w&uuml;rde sogar ein Absinken des allgemeinen Marktzinsniveaus auf 0 % (oder gar darunter) erlaubt. Gleichzeitig sollen mittels der Freilandreform die gegenleistungslosen Einkommen, die durch Landbesitz entstehen und sich systemisch nicht eliminieren lassen, an die Allgemeinheit abgef&uuml;hrt und vergesellschaftet werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Reformforderungen der vor allem in den 1920er Jahren im deutschsprachigen Raum gro&szlig;gewordenen Freiwirtschaftsbewegung werden oft mit &bdquo;F.F.F.&ldquo; zusammengefasst: Freigeld, Freiland, Festw&auml;hrung.<\/p>\n\n\n\n<p>Hauptforderungen dieser Geldpolitik sind:<\/p>\n\n\n\n<p>Einf&uuml;hrung einer umlaufgesicherten W&auml;hrung, Abschaffung des Goldstandards<\/p>\n\n\n\n<p>Silvio Gesell forderte die Abschaffung der bis dahin weltweit verbreiteten Golddeckung, weil nur eine begrenzte Menge Gold f&uuml;r den Geldkreislauf zur Verf&uuml;gung stehe, w&auml;hrend eine Wirtschaft beinahe unbegrenzt wachsen k&ouml;nne. Goldmangel k&ouml;nne deflation&auml;re Zust&auml;nde verursachen, Gold&uuml;berschuss k&ouml;nne destabilisierende Inflation zur Folge haben.<\/p>\n\n\n\n<p>In der freiwirtschaftlichen Theorie ist das grunds&auml;tzliche Problem des Geldes das der fehlenden Lagerkosten. Alles in der Natur unterliege dem rhythmischen Wechsel von Werden und Vergehen, nur das Geld scheine der Verg&auml;nglichkeit alles Irdischen entzogen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei Ans&auml;tze gibt es, um dies zu verdeutlichen: Der Gesellsche Ansatz basiert auf der Analyse von Pierre-Joseph Proudhon, welche besagt, dass der Geldbesitzer gegen&uuml;ber dem Besitzer bzw. Anbieter von Waren, Produkten, Dienstleistungen sowie Arbeitskraft einen entscheidenden Vorteil besitzen w&uuml;rde: Durch das Lagern von Waren, Produkten und Dienstleistungen entst&uuml;nden laufende Kosten, bei Geld aber nicht. Dadurch w&uuml;rde der Geldbesitzer (die Nachfrage) einen systemischen Vorteil gegen&uuml;ber dem Angebot erhalten, was dazu f&uuml;hren w&uuml;rde, dass Geld teurer verkauft w&uuml;rde als Waren. Diesen zus&auml;tzlichen Wert definierte Gesell als den &bdquo;Urzins&ldquo;, dessen H&ouml;he er auf j&auml;hrlich 4&ndash;5 Prozent sch&auml;tzte.<\/p>\n\n\n\n<p>Investitionen w&uuml;rden seiner Meinung nach nicht get&auml;tigt, l&auml;ge der allgemeine Marktzins unter drei Prozent. Stattdessen w&uuml;rde es als liquides Mittel gehalten und gem&auml;&szlig; Gesell zu Spekulationszwecken verwendet. Aus Perspektive der Anleger entst&uuml;nde der Anlagenotstand, aus Perspektive der Unternehmer entst&uuml;nde der Eindruck der Kapitalknappheit. Deflation und Spekulationsblasen w&auml;ren erfahrungsgem&auml;&szlig; die Folgen solcher Situationen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Gegenmittel dazu bietet Gesell die Umlaufsicherung an, welche sicherstellen soll, dass weiterhin das mit negativem Zins belegte Geld investiert w&uuml;rde. Die Umlaufsicherung soll sich deshalb wie eine Steuer auf Liquidit&auml;t auswirken, um die Umlaufgeschwindigkeit zu steuern. Dadurch soll &ndash; nach freiwirtschaftlicher Annahme &ndash; Vollbesch&auml;ftigung, vergleichbar mit einer permanenten Hochkonjunktur eintreten, wodurch die L&ouml;hne stiegen, w&auml;hrend gleichzeitig die Preise real fallen w&uuml;rden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein derartiges &bdquo;Freigeld&ldquo; erf&uuml;llt nicht die Wertaufbewahrungsfunktion des Geldes. Manchmal wird auch der von Otto Heyn gepr&auml;gte Begriff Schwundgeld genannt, der von Kritikern gelegentlich abwertend benutzt wird.<\/p>\n<div class=\"pld-like-dislike-wrap pld-template-1\">\r\n    <div class=\"pld-like-wrap  pld-common-wrap\">\r\n    <a href=\"javascript:void(0)\" class=\"pld-like-trigger pld-like-dislike-trigger  \" title=\"\" data-post-id=\"24566\" data-trigger-type=\"like\" data-restriction=\"cookie\" data-already-liked=\"0\">\r\n                        <i class=\"fas fa-thumbs-up\"><\/i>\r\n                <\/a>\r\n    <span class=\"pld-like-count-wrap pld-count-wrap\">    <\/span>\r\n<\/div><div class=\"pld-dislike-wrap  pld-common-wrap\">\r\n    <a href=\"javascript:void(0)\" class=\"pld-dislike-trigger pld-like-dislike-trigger  \" title=\"\" data-post-id=\"24566\" data-trigger-type=\"dislike\" data-restriction=\"cookie\" data-already-liked=\"0\">\r\n                        <i class=\"fas fa-thumbs-down\"><\/i>\r\n                <\/a>\r\n    <span class=\"pld-dislike-count-wrap pld-count-wrap\"><\/span>\r\n<\/div><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Freiwirtschaft ist ein Wirtschaftsmodell, das von Silvio Gesell, einem deutsch-argentinischen Kaufmann, Landwirt und volkswirtschaftlichen Autodidakten, im Wesentlichen zwischen 1891 und 1916 entwickelt worden ist. &hellip; <\/p>\n","protected":false},"author":185,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_coblocks_attr":"","_coblocks_dimensions":"","_coblocks_responsive_height":"","_coblocks_accordion_ie_support":"","_uag_custom_page_level_css":"","advgb_blocks_editor_width":"","advgb_blocks_columns_visual_guide":"","footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-24566","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"author_meta":{"display_name":"Carsten Reuter","author_link":"https:\/\/humanwirtschaftspartei.de\/?author=185"},"featured_img":null,"uagb_featured_image_src":{"full":false,"thumbnail":false,"medium":false,"medium_large":false,"large":false,"tf-client-image-size":false,"1536x1536":false,"2048x2048":false,"bam-large":false,"bam-featured":false,"bam-list":false,"bam-thumb":false,"bam-small":false,"mailpoet_newsletter_max":false,"audioigniter_cover":false,"tptn_thumbnail":false},"uagb_author_info":{"display_name":"Carsten Reuter","author_link":"https:\/\/humanwirtschaftspartei.de\/?author=185"},"uagb_comment_info":0,"uagb_excerpt":"Die Freiwirtschaft ist ein Wirtschaftsmodell, das von Silvio Gesell, einem deutsch-argentinischen Kaufmann, Landwirt und volkswirtschaftlichen Autodidakten, im Wesentlichen zwischen 1891 und 1916 entwickelt worden ist. &hellip;","coauthors":[],"tax_additional":{"categories":{"linked":["<a href=\"https:\/\/humanwirtschaftspartei.de\/?cat=1\" class=\"advgb-post-tax-term\">Allgemein<\/a>"],"unlinked":["<span class=\"advgb-post-tax-term\">Allgemein<\/span>"]}},"comment_count":"0","relative_dates":{"created":"Ver\u00f6ffentlicht 9\u00a0Monaten vor","modified":"Aktualisiert 9\u00a0Monaten vor"},"absolute_dates":{"created":"Ver\u00f6ffentlicht am 14. 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