{"id":24579,"date":"2025-07-23T10:43:00","date_gmt":"2025-07-23T08:43:00","guid":{"rendered":"https:\/\/humanwirtschaftspartei.de\/?p=24579"},"modified":"2025-07-18T18:44:49","modified_gmt":"2025-07-18T16:44:49","slug":"die-waera-tauschwaehrung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/humanwirtschaftspartei.de\/?p=24579","title":{"rendered":"Die W\u00e4ra-Tauschw\u00e4hrung"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Die Humanwirtschaftspartei stellt vor<\/p>\n\n\n\n<p>Die W&auml;ra war ein umlaufgesichertes Tauschmittel, das Ende der 1920er Jahre im Rahmen eines freiwirtschaftlichen Geldexperiments an vielen Orten Deutschlands eingef&uuml;hrt wurde. Initiiert wurde dieses Experiment von den Gesell-Anh&auml;ngern Hans Timm und Helmut R&ouml;diger im Jahr 1926. Mit der W&auml;ra verwandt sind heutige Modelle des sogenannten Regiogeldes.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach l&auml;ngerer Vorbereitungszeit gr&uuml;ndeten Helmut R&ouml;diger und Hans Timm im Oktober 1929 &ndash; fast zeitgleich mit dem New Yorker Schwarzen Freitag und der damit in Zusammenhang stehenden Weltwirtschaftskrise &ndash; in Erfurt die sogenannte W&auml;ra-Tauschgesellschaft. Bereits drei Jahre zuvor hatte man im engen Rahmen des Physiokratischen Kampfbundes (sp&auml;ter Fysiokratischer Kampfbund, hin und wieder auch Fisiokratischer Kampfbund), dem R&ouml;diger und Timm angeh&ouml;rten, einen W&auml;ra-Praxistest gestartet.<\/p>\n\n\n\n<p>Der erste Erfolg der privatrechtlich organisierten W&auml;ra-Tauschgesellschaft war beachtlich: 1931 geh&ouml;rten ihr &uuml;ber 1000 Unternehmen aus allen Gebieten des Deutschen Reiches an. In vielen St&auml;dten &ouml;ffneten W&auml;ra-Wechselstellen, in denen Reichsmark gegen die erw&auml;hnten W&auml;ra-Bons eingetauscht werden konnten. &bdquo;Hier wird W&auml;ra angenommen!&ldquo; lautete die Aufschrift von Hinweisschildern, die sich in den Schaufenstern zahlreicher Gesch&auml;fte fanden. Bekannt geworden ist in diesem Zusammenhang das W&auml;ra-Experiment von Schwanenkirchen (heute Ortsteil der Gemeinde Hengersberg).<\/p>\n\n\n\n<p>W&auml;ra-Experiment Schwanenkirchen<\/p>\n\n\n\n<p>Im Winter 1929 ersteigerte der Bergingenieur Max Hebecker (1882&ndash;1948) das 1927 in Konkurs gegangene Braunkohlebergwerk Schwanenkirchen f&uuml;r 8000 Reichsmark. Da die regionalen Banken es ablehnten, den Wiederaufbau des maroden Bergwerks zu finanzieren, wandte sich Hebecker an die W&auml;ra-Tauschgesellschaft in Erfurt, deren Initiatoren er als Anh&auml;nger der Gesellschen Freiwirtschaftslehre und durch seine Mitgliedschaft im Physiokratischen Kampfbund kannte. Relativ kurzfristig wurde darauf in Erfurt ein W&auml;ra-Finanzierungskonsortium ins Leben gerufen, das den notwendigen Kredit in H&ouml;he von 50.000 Reichsmark zur Verf&uuml;gung stellte. Der gr&ouml;&szlig;ere Teil des Kredits lautete auf W&auml;ra, der kleinere auf Reichsmark.<\/p>\n\n\n\n<p>Bereits 1931 konnte die Braunkohlef&ouml;rderung mit zun&auml;chst 45 und sp&auml;ter 60 Bergwerksarbeitern wieder aufgenommen werden. Ihren Lohn erhielten die Arbeiter zu zwei Dritteln in W&auml;ra und zu einem Drittel in Reichsmark ausgezahlt. Um die &ouml;ffentliche Akzeptanz der W&auml;ra-Bons zu steigern, wurden &ouml;ffentliche Vortr&auml;ge &uuml;ber Wesen und Funktion des Tauschmittels abgehalten. Dem anf&auml;nglichen Misstrauen der &ouml;rtlichen Gesch&auml;ftsleute begegnete Hebecker auch dadurch, dass er eine Betriebskantine einrichtete und diese mit Waren von ausw&auml;rtigen Firmen versorgte, die der W&auml;ra-Tauschgenossenschaft bereits angeh&ouml;rten. Die lokalen Gesch&auml;ftsleute reagierten und nahmen alsbald ebenfalls die W&auml;ra-Scheine an. Mit den Sirius-Werken in Deggendorf konnte Hebecker einen Liefervertrag auf t&auml;glich 1.500 Zentner Braunkohle abschlie&szlig;en.<\/p>\n\n\n\n<p>Das wirtschaftliche Leben Schwanenkirchens erlebte einen starken Aufschwung, der auch die gesamte umliegende Region erfasste. Dabei entwickelte Hebecker immer neue Gesch&auml;ftsideen und Anreize. Wer zum Beispiel Schwanenkirchener Kohle mittels W&auml;ra kaufte, erhielt 5 % Rabatt. Der Erfolg des W&auml;ra-Experiments erregte in der &Ouml;ffentlichkeit gro&szlig;es Aufsehen. In &uuml;ber 50 in- und ausl&auml;ndischen Zeitungen wurde das &bdquo;W&auml;ra-Wunder&ldquo; von Schwanenkirchen ausf&uuml;hrlich beschrieben. Auch die Reichsbank wurde auf Hebecker aufmerksam. Sie strengte schlie&szlig;lich eine Untersuchung an mit dem Ergebnis, dass gegen Hebecker am 5. August 1931 durch den zust&auml;ndigen Staatsanwalt ein Strafantrag &bdquo;wegen unbefugter Ausgabe von Banknoten und wegen Betrugs&ldquo; gestellt wurde. Das Amtsgericht Deggendorf lehnte jedoch die Er&ouml;ffnung des Verfahrens ab, da es &bdquo;keinen strafbaren Tatbestand&ldquo; erkennen konnte. W&auml;ra sei kein (inzwischen verbotenes) Notgeld und auch kein Geld im Sinne des Gesetzes.<\/p>\n\n\n\n<p>Dennoch verbot das Reichsfinanzministerium im Zusammenhang mit den Br&uuml;ningschen Notverordnungen am 30. Oktober 1931 das W&auml;ra-Experiment von Schwanenkirchen. Am 24. November desselben Jahres wurde Hebecker &uuml;ber diese Verordnung durch das Bezirksamt Deggendorf offiziell unterrichtet. Auch die W&auml;ra-Tauschgesellschaft in Erfurt war von dieser Verordnung betroffen. Damit fand das W&auml;ra-Experiment sowohl in Schwanenkirchen als auch reichsweit ein abruptes Ende.<\/p>\n\n\n\n<p>Hebecker musste den gr&ouml;&szlig;ten Teil seiner Belegschaft entlassen. &Uuml;ber einige Zeit versuchte er, mit einigen wenigen Mitarbeitern die sogenannte Physiokratengrube zu betreiben, scheiterte jedoch alsbald. In Schwanenkirchen und Umgebung breiteten sich nach dem W&auml;ra-Verbot wieder Arbeitslosigkeit und wirtschaftlicher Niedergang aus.<\/p>\n\n\n\n<p>W&auml;ra-Experimente an weiteren Orten des In- und Auslandes<\/p>\n\n\n\n<p>Es gab 14 St&auml;dte des Deutschen Reiches, in denen lokale W&auml;ra-Tauschgesellschaften bestanden. Ferner noch in Norden (Ostfriesland) und der Insel Norderney, wo W&auml;ra-Bons sogar von der Commerzbank, der Ostfriesischen Bank, der Vereinsbank und von sozialdemokratischen Konsuml&auml;den angenommen wurden. W&auml;ra-Initiatoren waren hier vor allem der Norderneyer Badearzt und Gesell-Anh&auml;nger Anton Nordwall sowie sein Freund, der K&uuml;nstler Hans Trimborn. Das &ouml;ffentliche Interesse an diesen Experimenten war gro&szlig;. Da die Ausgabe von geld&auml;hnlichen Wertzeichen gesetzlich den Zentralbanken vorbehalten war, wurden die Aktionen verboten. Daraufhin verschlimmerte sich die wirtschaftliche Situation in den jeweiligen Orten wieder betr&auml;chtlich. Zahlreiche Gemeinden in &Ouml;sterreich, Deutschland, Liechtenstein und der Schweiz &ndash; die Rede ist von &uuml;ber 200 &ndash; mussten die geplante Einf&uuml;hrung von Freigeld abbrechen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch in den Vereinigten Staaten kam es Anfang der 1930er Jahre an vielen Orten zur Durchf&uuml;hrung eines freiwirtschaftlichen Geldexperiments. Unter der Bezeichnung stamp scrip, gewann das Experiment so sehr an Popularit&auml;t, dass der National&ouml;konom Irving Fisher dar&uuml;ber eine wissenschaftliche Untersuchung ver&ouml;ffentlichte.<\/p>\n\n\n\n<p>Nachwirkungen<\/p>\n\n\n\n<p>Die W&auml;ra-Experimente der 1920er und 1930er Jahre standen Pate bei der Entwicklung moderner Komplement&auml;rw&auml;hrungen, die auch unter dem Namen Regiogeld bzw. Regionalgeld bekannt geworden sind. Dabei handelt es sich um ein zwischen Verbrauchern, Anbietern, Vereinen und Kommunen demokratisch vereinbartes Zahlungsmittel, das innerhalb einer Region zur Bezahlung, Investition und Schenkung verwendet wird. Es wird &ndash; &auml;hnlich wie seinerzeit bei der W&auml;ra &ndash; eine Umlaufsicherungsgeb&uuml;hr erhoben.<\/p>\n<div class=\"pld-like-dislike-wrap pld-template-1\">\r\n    <div class=\"pld-like-wrap  pld-common-wrap\">\r\n    <a href=\"javascript:void(0)\" class=\"pld-like-trigger pld-like-dislike-trigger  \" title=\"\" data-post-id=\"24579\" data-trigger-type=\"like\" data-restriction=\"cookie\" data-already-liked=\"0\">\r\n                        <i class=\"fas fa-thumbs-up\"><\/i>\r\n                <\/a>\r\n    <span class=\"pld-like-count-wrap pld-count-wrap\">    <\/span>\r\n<\/div><div class=\"pld-dislike-wrap  pld-common-wrap\">\r\n    <a href=\"javascript:void(0)\" class=\"pld-dislike-trigger pld-like-dislike-trigger  \" title=\"\" data-post-id=\"24579\" data-trigger-type=\"dislike\" data-restriction=\"cookie\" data-already-liked=\"0\">\r\n                        <i class=\"fas fa-thumbs-down\"><\/i>\r\n                <\/a>\r\n    <span class=\"pld-dislike-count-wrap pld-count-wrap\"><\/span>\r\n<\/div><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Humanwirtschaftspartei stellt vor Die W\u00e4ra war ein umlaufgesichertes Tauschmittel, das Ende der 1920er Jahre im Rahmen eines freiwirtschaftlichen Geldexperiments an vielen Orten Deutschlands eingef\u00fchrt &hellip; <\/p>\n","protected":false},"author":185,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_coblocks_attr":"","_coblocks_dimensions":"","_coblocks_responsive_height":"","_coblocks_accordion_ie_support":"","_uag_custom_page_level_css":"","advgb_blocks_editor_width":"","advgb_blocks_columns_visual_guide":"","footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-24579","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"author_meta":{"display_name":"Carsten Reuter","author_link":"https:\/\/humanwirtschaftspartei.de\/?author=185"},"featured_img":null,"uagb_featured_image_src":{"full":false,"thumbnail":false,"medium":false,"medium_large":false,"large":false,"tf-client-image-size":false,"1536x1536":false,"2048x2048":false,"bam-large":false,"bam-featured":false,"bam-list":false,"bam-thumb":false,"bam-small":false,"mailpoet_newsletter_max":false,"audioigniter_cover":false,"tptn_thumbnail":false},"uagb_author_info":{"display_name":"Carsten Reuter","author_link":"https:\/\/humanwirtschaftspartei.de\/?author=185"},"uagb_comment_info":0,"uagb_excerpt":"Die Humanwirtschaftspartei stellt vor Die W\u00e4ra war ein umlaufgesichertes Tauschmittel, das Ende der 1920er Jahre im Rahmen eines freiwirtschaftlichen Geldexperiments an vielen Orten Deutschlands eingef\u00fchrt &hellip;","coauthors":[],"tax_additional":{"categories":{"linked":["<a href=\"https:\/\/humanwirtschaftspartei.de\/?cat=1\" class=\"advgb-post-tax-term\">Allgemein<\/a>"],"unlinked":["<span class=\"advgb-post-tax-term\">Allgemein<\/span>"]}},"comment_count":"0","relative_dates":{"created":"Ver\u00f6ffentlicht 9\u00a0Monaten vor","modified":"Aktualisiert 10\u00a0Monaten vor"},"absolute_dates":{"created":"Ver\u00f6ffentlicht am 23. 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