{"id":24581,"date":"2025-07-30T18:48:07","date_gmt":"2025-07-30T16:48:07","guid":{"rendered":"https:\/\/humanwirtschaftspartei.de\/?p=24581"},"modified":"2025-07-18T18:49:05","modified_gmt":"2025-07-18T16:49:05","slug":"das-woergler-schwundgeld","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/humanwirtschaftspartei.de\/?p=24581","title":{"rendered":"Das W\u00f6rgler Schwundgeld"},"content":{"rendered":"\n<p>Die Humanwirtschaftspartei stellt vor<\/p>\n\n\n\n<p>Das W&ouml;rgler Schwundgeld, auch W&ouml;rgler Freigeld, W&ouml;rgler Schilling oder im Volksmund auch das Wunder von W&ouml;rgl genannt, war ein Schwundgeldexperiment in der &ouml;sterreichischen Stadt W&ouml;rgl, das vom damaligen B&uuml;rgermeister Michael Unterguggenberger zur Bew&auml;ltigung der Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise im Juni 1932 ins Leben gerufen wurde. Nach einem Gerichtsprozess und Drohungen des &ouml;sterreichischen Bundesheeres, die Stadt zu &uuml;berfallen, musste das Experiment im September 1933 eingestellt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Folge der Weltwirtschaftskrise von 1929 war die Wirtschaftslage in der Region um W&ouml;rgl 1931 von einer Deflation gepr&auml;gt. In der Stadt war um 1932 die &ouml;rtliche Zement- und Zellulosefabrikation stark zur&uuml;ckgegangen und die Arbeitslosenquote bedrohlich angestiegen. Die Gemeinde hatte einerseits betr&auml;chtliche Steuerausf&auml;lle, andererseits hohe Lasten durch Unterst&uuml;tzungsleistungen an Arbeitslose. Eine Schuldenlast in H&ouml;he von 1,3 Millionen Schilling und 1500 Arbeitslose, von denen etwa die H&auml;lfte auf die Armenf&uuml;rsorge der Gemeinde angewiesen war, machten es unm&ouml;glich, auch nur die notwendigsten Investitionen zu t&auml;tigen. Die in Umlauf befindliche, an die Goldreserven gebundene Geldmenge verkleinerte sich zusehends. Die Kasse war leer, und ein Ende war nicht abzusehen. So wurde ein Wohlfahrtsausschuss gebildet, der die Ausgabe des Notgeldes organisierte.<\/p>\n\n\n\n<p>Der damalige B&uuml;rgermeister Michael Unterguggenberger arbeitete ein Nothilfe-Programm aus, umlaufgesichertes Freigeld als Komplement&auml;rw&auml;hrung im Wert von 34.500 Schilling f&uuml;r die Region W&ouml;rgl auszugeben. Ideenlieferant war ihm dabei die Freiwirtschaftslehre Silvio Gesells.[2] Am 8. Juli 1932 wurde das Geldexperiment vom W&ouml;rgler Gemeinderat einstimmig angenommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ab Ende Juli 1932 gab die Gemeindeverwaltung unter B&uuml;rgermeister Unterguggenberger als Lohn f&uuml;r kommunale Arbeiten, die von Arbeitslosen ausgef&uuml;hrt wurden, eigene sogenannte Arbeitswertscheine aus, den W&ouml;rgler Schilling. Die Scheine gab es in Nennwerten von 1, 5 und 10 Schilling. Die einheitliche R&uuml;ckseite pr&auml;gte vor allem der Spruch &bdquo;Er lindert die Not, gibt Arbeit und Brot!&ldquo;. Insgesamt wurden 32.000 Not-Schilling aufgelegt. Die Gemeinde, die das Schwundgeld ausgab, kaufte allerdings nur insgesamt 8.500 Notschilling vom Ausschuss, wovon wiederum nur durchschnittlich rund 6.000 Schilling im Umlauf waren. Es wird angenommen, dass der tats&auml;chliche Geldumlauf innerhalb der 14 Monate &uuml;ber 400 Mal stattfand.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Arbeitswertscheine waren umlaufgesichertes Freigeld, denn es war durch Hinterlegung von Bargeld der Gemeinde bei der W&ouml;rgler Raiffeisenkasse gedeckt und gleichwertig an den Schilling gekoppelt. Gleichzeitig handelte es sich um Schwundgeld: Monatlich musste eine Marke zu einem Prozent des Nennwertes der Note gekauft und in ein daf&uuml;r vorgesehenes Feld auf der Vorderseite des Geldscheins geklebt werden, um seine G&uuml;ltigkeit beizubehalten. Wie erhofft, zirkulierten die Scheine schnell, da mit ihnen auch Gemeindesteuern gezahlt werden konnten. Daher nahmen auch einheimische Gesch&auml;ftsleute das Freigeld rasch in Zahlung.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Experiment wurde als erfolgreich bezeichnet. Geldkreislauf und Wirtschaftst&auml;tigkeit wurden wiederbelebt, w&auml;hrend das &uuml;brige Land tief in der Wirtschaftskrise steckte. Die Erfolge des Projektes waren beachtlich:<\/p>\n\n\n\n<p>Der Einnahmenr&uuml;ckstand wurde um 34 % verringert,<\/p>\n\n\n\n<p>der Abgabenr&uuml;ckstand konnte um &uuml;ber 60 % abgebaut werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Weiters konnten eine Zunahme des Ertrages an Gemeindesteuern um 34 % und<\/p>\n\n\n\n<p>eine Zunahme der Investitionsausgaben der Gemeinde von etwa 220 % verzeichnet werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Bis in die 1980er zeugte unter anderem die Aufschrift &bdquo;mit Freigeld erbaut&ldquo; auf der M&uuml;llnertalbr&uuml;cke[5] davon. In den 14 Monaten des Experiments sank die Arbeitslosenquote in W&ouml;rgl von 21 auf 15 % ab, w&auml;hrend sie im &uuml;brigen Land weiter anstieg.<\/p>\n\n\n\n<p>Die positiven Auswirkungen f&uuml;hrten dazu, dass der Modellversuch in der Presse als das &bdquo;Wunder von W&ouml;rgl&ldquo; gepriesen wurde. Das Interesse daran stieg derart, dass &uuml;ber hundert weitere Gemeinden im Umkreis von W&ouml;rgl dem Beispiel folgen wollten. Auch im Ausland und in &Uuml;bersee fand die Aktion starke Beachtung und Nachahmer. Aus Frankreich reiste der Finanzminister und sp&auml;tere Ministerpr&auml;sident &Eacute;douard Daladier nach W&ouml;rgl, und in den USA schlug der Wirtschaftswissenschaftler Irving Fisher der amerikanischen Regierung &ndash; wenn auch vergeblich &ndash; vor, ein W&ouml;rgl-&auml;hnliches Geld mit dem Namen Stamp Scrip zur &Uuml;berwindung der Wirtschaftskrise einzuf&uuml;hren.<\/p>\n\n\n\n<p>Im J&auml;nner 1933 verbot die Tiroler Landesregierung &uuml;ber Weisung des Bundeskanzleramtes die weitere Ausgabe des W&ouml;rgler Schwundgeldes. Daraufhin beschloss der Gemeinderat einstimmig, Beschwerde beim Verwaltungsgerichtshof einzulegen mit der Begr&uuml;ndung, die Ausgabe von Notgeld falle nicht in die Zust&auml;ndigkeit des Bundeskanzleramtes, sondern des Finanzministeriums. Die Verhandlung vor dem VwGH begann am 18. November 1933 unter Vorsitz von Wenzel Kamitz. Das Interesse der &Ouml;ffentlichkeit war so gro&szlig;, dass die Anzahl der ausgegebenen Besucherkarten auf 50 beschr&auml;nkt wurde. Der VwGH wies die Beschwerde der Gemeinde W&ouml;rgl als unbegr&uuml;ndet ab, weil die Ausgabe des Schwundgeldes gegen Artikel 122 des Nationalbankgesetzes versto&szlig;e. Nur die Oesterreichische Nationalbank d&uuml;rfe Geldnoten ausgeben oder in Umlauf setzen: &bdquo;Die Scheine der Gemeinde W&ouml;rgl h&auml;tten die Funktionen von M&uuml;nzen oder Banknoten gehabt, und der Verwaltungsgerichtshof ist entgegen den Ausf&uuml;hrungen der Beschwerde der Ansicht, da&szlig; die Scheine einen festen Wert hatten, wenn dieser auch innerhalb einer Frist durch den sogenannten Schwund schwankte.&ldquo; Damit war das Experiment beendet.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Februaraufstand 1934, bei dem sich Heimwehr und Schutzbund auch in W&ouml;rgl bek&auml;mpften, f&uuml;hrte zum Verbot der Sozialdemokratischen Partei. In W&ouml;rgl wurde &bdquo;das bisherige Mitglied des Gemeinderates, Landtagsabgeordneter Martin Pichler, als Regierungskommiss&auml;r bestellt&ldquo;. Am 19. Februar 1934 &uuml;bernahm dieser die Amtsgesch&auml;fte von Michael Unterguggenberger. Im Dezember 1936 starb Unterguggenberger an einer Lungenembolie.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gemeinde W&ouml;rgl setzte Unterguggenberger f&uuml;r seine Verdienste ein Denkmal. 2007 wurde Michael Unterguggenberger postum zum Ehrenb&uuml;rger der Stadt W&ouml;rgl ernannt. Die Asche Unterguggenbergers ist in der nord&ouml;stlichen Ecke des Waldfriedhofes in W&ouml;rgl begraben (Freigeldwanderweg). Das Jahr 2007 wurde zudem von der Stadt W&ouml;rgl offiziell zum &bdquo;W&ouml;rgler Freigeldjahr&ldquo; erkl&auml;rt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ende M&auml;rz 2009 schlug B&uuml;rgermeister Abler wegen der anhaltenden Wirtschaftskrise die Einf&uuml;hrung einer Komplement&auml;rw&auml;hrung nach historischem Vorbild vor.<\/p>\n<div class=\"pld-like-dislike-wrap pld-template-1\">\r\n    <div class=\"pld-like-wrap  pld-common-wrap\">\r\n    <a href=\"javascript:void(0)\" class=\"pld-like-trigger pld-like-dislike-trigger  \" title=\"\" data-post-id=\"24581\" data-trigger-type=\"like\" data-restriction=\"cookie\" data-already-liked=\"0\">\r\n                        <i class=\"fas fa-thumbs-up\"><\/i>\r\n                <\/a>\r\n    <span class=\"pld-like-count-wrap pld-count-wrap\">    <\/span>\r\n<\/div><div class=\"pld-dislike-wrap  pld-common-wrap\">\r\n    <a href=\"javascript:void(0)\" class=\"pld-dislike-trigger pld-like-dislike-trigger  \" title=\"\" data-post-id=\"24581\" data-trigger-type=\"dislike\" data-restriction=\"cookie\" data-already-liked=\"0\">\r\n                        <i class=\"fas fa-thumbs-down\"><\/i>\r\n                <\/a>\r\n    <span class=\"pld-dislike-count-wrap pld-count-wrap\"><\/span>\r\n<\/div><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Humanwirtschaftspartei stellt vor Das W\u00f6rgler Schwundgeld, auch W\u00f6rgler Freigeld, W\u00f6rgler Schilling oder im Volksmund auch das Wunder von W\u00f6rgl genannt, war ein Schwundgeldexperiment in &hellip; <\/p>\n","protected":false},"author":185,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_coblocks_attr":"","_coblocks_dimensions":"","_coblocks_responsive_height":"","_coblocks_accordion_ie_support":"","_uag_custom_page_level_css":"","advgb_blocks_editor_width":"","advgb_blocks_columns_visual_guide":"","footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-24581","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"author_meta":{"display_name":"Carsten Reuter","author_link":"https:\/\/humanwirtschaftspartei.de\/?author=185"},"featured_img":null,"uagb_featured_image_src":{"full":false,"thumbnail":false,"medium":false,"medium_large":false,"large":false,"tf-client-image-size":false,"1536x1536":false,"2048x2048":false,"bam-large":false,"bam-featured":false,"bam-list":false,"bam-thumb":false,"bam-small":false,"mailpoet_newsletter_max":false,"audioigniter_cover":false,"tptn_thumbnail":false},"uagb_author_info":{"display_name":"Carsten Reuter","author_link":"https:\/\/humanwirtschaftspartei.de\/?author=185"},"uagb_comment_info":0,"uagb_excerpt":"Die Humanwirtschaftspartei stellt vor Das W\u00f6rgler Schwundgeld, auch W\u00f6rgler Freigeld, W\u00f6rgler Schilling oder im Volksmund auch das Wunder von W\u00f6rgl genannt, war ein Schwundgeldexperiment in &hellip;","coauthors":[],"tax_additional":{"categories":{"linked":["<a href=\"https:\/\/humanwirtschaftspartei.de\/?cat=1\" class=\"advgb-post-tax-term\">Allgemein<\/a>"],"unlinked":["<span class=\"advgb-post-tax-term\">Allgemein<\/span>"]}},"comment_count":"0","relative_dates":{"created":"Ver\u00f6ffentlicht 9\u00a0Monaten vor","modified":"Aktualisiert 10\u00a0Monaten vor"},"absolute_dates":{"created":"Ver\u00f6ffentlicht am 30. Juli 2025","modified":"Aktualisiert am 18. Juli 2025"},"absolute_dates_time":{"created":"Ver\u00f6ffentlicht am 30. Juli 2025 18:48","modified":"Aktualisiert am 18. Juli 2025 18:49"},"featured_img_caption":"","series_order":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/humanwirtschaftspartei.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/24581","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/humanwirtschaftspartei.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/humanwirtschaftspartei.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/humanwirtschaftspartei.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/185"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/humanwirtschaftspartei.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=24581"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/humanwirtschaftspartei.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/24581\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":24582,"href":"https:\/\/humanwirtschaftspartei.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/24581\/revisions\/24582"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/humanwirtschaftspartei.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=24581"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/humanwirtschaftspartei.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=24581"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/humanwirtschaftspartei.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=24581"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}